Der Bundes-Zacharias
Über den Großen Zapfenstreich, das höchste militärische Zeremoniell der Bundeswehr, mag jeder denken, was er will. Man muss das mit Trara unterlegte Bild von uniformierten Soldaten im Fackelschein nicht mögen. Man darf aber, und wenn die politische Elite unseres Landes ihr Vergnügen an dieser tradierten Choreographie findet, dann sei es ihr gegönnt. Als Pfandfinder habe ich vergleichbare Szenen gemocht, und es wäre eine glatte Lüge zu behaupten, dass ich mich heute dafür schäme.
Von den Herren Scheel, von Weizsäcker, Herzog und Köhler ist nicht bekannt, dass sie den Großen Zapfenstreich aus Prinzip ablehnen. Trotzdem haben diese als einzige noch lebenden Ex-Bundespräsidenten ihre Teilnahme am Großen Zapfenstreich für Wulff abgesagt. Nichts Genaues weiß man nicht, aber ich wage zu behaupten, dass sie hiermit ihre Verachtung ausdrücken wollen. Auch amtierende Spitzenpolitiker wie der SPD-Fraktionsvorsitzende Steinmeier wollen dem Event fernbleiben. SPD-Generalsekretärin Nahles wird gar mit den Worten zitiert, ihr sei
niemand bekannt, der aus der SPD-Führung daran teilnimmt.
Es hat geschmerzt, Wulff in seinem berüchtigten TV-Interview sagen zu hören, dass, wer ohne Sünde sei, den ersten Stein werfen solle. Mir ist kein anderer Fall bekannt, in dem sich jemand unter Berufung auf dieses Bibel-Wort selbst vergibt. Mittlerweile frage ich mich aber, ob das Zitat nicht sogar passt.
Kann sich Köhler diesen Übermut leisten? Ist es wirklich nötig, dass von Weizsäcker, dessen Verdienste ich anerkenne, Wulff so erniedrigt? Wulff ist nicht der erste und auch keineswegs der offenkundig schlimmste Spitzenpolitiker, der zurücktreten musste. Er ist aber, wenn ich nicht irre, der erste, bei dem man sich wegen der Teilnahme an diesem Uniform-Trara dermaßen anstellt.
Wulff scheint sich zu einem Prügelknaben zu entwickeln. Meine biblische Assoziation ist indes nicht die Frau, die Jesus vor der Steinigung rettet; meine Assoziation ist Zacharias. So gesehen passt das von Wulff gewählte Zitat dann nicht, aber die Geschichte von dem Zöllner, mit dem niemand etwas zu schaffen haben wollte, und der ja auch tatsächlich selbst ein Sünder war, diese Geschichte hätte Wulff erzählen können.