Hörbücher? Audible!
Im vergangenen Jahr habe ich Freundschaft mit Hörbüchern geschlossen. 40 Werke umfasst meine Bibliothek: von Edgar Allan Poe, Umberto Eco, Franz Kafka, Walter Moers, Victor Hugo, Michael Crichton, Patrick Süskind, Ken Follett, Stieg Larsson, Oscar Wilde und einigen Autoren mehr und ganz besonders viele Bücher von Stephen King (dem ich einen eigenen Blogeintrag zu widmen gedenke). Alle Hörbücher habe ich bei Audible erworben, dessen Angebot ich meinen geneigten Lesern nun darstellen und empfehlen möchte.
Audible, das zu Amazon gehört, bietet seine Hörbücher ausschließlich zum Download an. Dabei kommt ein eigens entwickeltes Dateiformat mit DRM-Technik zum Einsatz. DRM steht für Digital Rights Management und bedeutet, dass der Kunde sein Hörbuch nicht mit jedem beliebigen Gerät und nicht mit jeder beliebigen Software abspielen kann. Das Gerät, zum Beispiel der Computer oder der MP3-Player, muss einmalig aktiviert werden. Wurde eine bestimmte Anzahl von Geräten aktiviert (ich glaube, es sind fünf), so muss eines der Geräte deaktiviert werden, bevor ein weiteres Gerät aktiviert werden kann.
Das ist auf der einen Seite anachronistisch. Selbst die Musik-Industrie hat sich von der DRM-Technik weitgehend verabschiedet. Es ist auf der anderen Seite aber auch nicht sonderlich tragisch. Die Aktivierung ist ein einmaliger Vorgang, der nur wenige Sekunden dauert. Und wenn Geräte deaktiviert werden müssen, ist auch das durch einen Anruf bei der Hotline schnell erledigt. Audible will sich vor Raubkopien schützen, und mag man über die Methode auch streiten können, so ist doch jedenfalls das Ziel ganz legitim. Und immerhin: Jedes Hörbuch lässt sich auch als Audio-CD brennen, die dann auf jedem CD-Player abgespielt werden kann, ohne Aktivierung, versteht sich.
Brennt man die Hörbücher nicht auf CD, kann man sie etwa mit iTunes oder dem hauseigenen Player von Audible hören, den es für Windows und für MacOS gibt. Auch iPod, iPad, iPhone und diverse Kindles sind geeignet. Ich selbst nutze Audible mit meinem Smartphone, das wie wohl alle Android-Geräte voll kompatibel ist. Die (kostenlose) App ist schnell installiert, der Download der Hörbücher erfolgt direkt auf das Handy. Je nach verfügbarem Speicherplatz kann man zwischen einer hohen und einer niedrigen Audioqualität wählen.
Derzeit hat Audible über 50.000 Titel im Angebot. Davon ist etwa jeder dritte oder vierte auf Deutsch. Die meisten Hörbücher gibt es natürlich in englischer Sprache. Auch Französisch und Spanisch werden bedient.
Im gewissen Sinne ist Audible konkurrenzlos. Denn einige der Werke sind exklusiv nur bei Audible erhältlich, genauer gesagt nur für Audible-Abonnenten (dazu gleich mehr). So kann man etwa „Der dunkle Thron“ von Rebecca Gablé für rund 30,00 Euro als CD im Handel oder für rund 20,00 Euro als Download bei diversen Anbietern im Internet kaufen, aber nur in gekürzter Fassung, kaum mehr als 15 Stunden lang, während das ungekürzte Hörbuch, dessen Spielzeit bei 35 Stunden liegt (20 Stunden mehr!), nur von Audible angeboten wird. Und Stephen Kings Horror-Epos „Es“ zum Beispiel ist im Handel weder gekürzt noch ungekürzt zu haben, bei Audible aber ungekürzt.
Konkurrenzlos ist Audible auch im Preis. Das ungekürzte Hörbuch „Der dunkle Thron“ kostet gerade einmal 9,95 Euro, wie überhaupt kein Hörbuch mehr kostet als 9,95 Euro, auch nicht Stephen Kings „Es“ mit seiner Gesamtspielzeit von fast 52 Stunden. Zwar gilt dieser Preis nur für Abonnenten, während alle anderen (teilweise deutlich) mehr bezahlen müssen (und die exklusiv von Audible vertrieben Hörbücher gar nicht kaufen können). Aber in diesem einen Fall ist das Abo für den Kunden ohne jeden Nachteil. Insbesondere hat es keine Mindestlaufzeit, sondern kann monatlich abbestellt werden.
Abonnent zu sein, bedeutet bei Audible, dass jeden Monat 9,95 Euro vom Girokonto abgebucht werden. Dafür erhält der Kunde ein sog. Flexi-Guthaben, gewissermaßen einen Gutschein für ein Hörbuch. Dieses Guthaben verfällt nicht, solange das Abonnement besteht, und kann jederzeit gegen ein beliebiges Hörbuch eingetauscht werden. Ist das Flexi-Guthaben verbraucht, kann eine beliebige Anzahl von Hörbüchern hinzugekauft werden, und jedes kostet (maximal) 9,95 Euro.
Diese etwas verwirrende Preispolitik hat zur Folge, dass es keinen einzigen Grund gibt, für ein Audible-Hörbuch jemals mehr als 9,95 Euro zu zahlen. Wer nur ein Hörbuch kaufen will, bestellt ein Abo, tauscht sein Guthaben gegen das Hörbuch ein und kündigt das Abo wieder. Wer zwei Hörbücher haben will, tauscht sein Guthaben gegen das erste Hörbuch ein und kauft das zweite für (maximal) 9,95 Euro hinzu; dann kündigt er das Abo wieder. Und so geht das auch mit fünf, zehn, 20 und 50 Hörbüchern. Wer wie ich viele Hörbücher konsumiert, für den gibt es natürlich keinen Grund, das Abo immer wieder zu bestellen und zu kündigen. Es ist dies aber unproblematisch möglich.
Die einmal gekauften Hörbücher bleiben lebenslang im Audible-Konto erhalten und können von dort aus beliebig oft heruntergeladen werden. Das gilt auch für Erwerbungen im Rahmen eines Abos, wenn das Abo beendet wird. (Nicht verbrauchtes Flexi-Guthaben verfällt allerdings mit dem Ende eines Abos, so dass es rechtzeitig gegen Hörbücher eingetauscht werden sollte.)
Audible bietet eine insgesamt komfortable Möglichkeit, schnell und sehr günstig an eine Vielzahl von Hörbüchern zu gelangen. Mir bereitet es große Freude. Probiert es doch auch einmal!
- zu Audible
Morus & ich
Heute hatte ich wieder einmal Grund, mich selbst zu verspotten. Ich ging durch den Oldenburger Morgen, als ich über Thomas Morus nachdachte: Der vielgeliebte Staatsmann und Humanist, integer, gutmütig, humorvoll und einfach sympathisch, Verfasser der Utopia; auch er, so dachte ich mir, hat Menschen verfolgen und töten lassen, auch er, so dachte ich, ist kein Heiliger. Genau das ist Morus aber sehr wohl und zwar seit bald 80 Jahren. Nach der Shakespeare-Geschichte wieder ein so absurder Fehlgriff; was soll nur aus mir werden?
Das Känguru-Manifest
Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. (Silvio Berlusconi)
Wer das lustig findet und noch nie vom Känguru-Manifest gehört hat, dem kann und will ich nun das gleichnamige Buch von Marc-Uwe Kling ans Herz legen: Das Känguru-Manifest. Erzählt wird die Geschichte eines Kleinkünstlers, der sein Philosophie-Studium (zwei Mal) abgebrochen hat, und seinem Mitbewohner, einem kommunistischen Känguru.
Ein Großteil der Witze gedeiht nur auf dem Boden höherer Bildung. Wer den Kategorischen Imperativ nicht kennt, kann es kaum lustig finden, das obige Zitat Berlusconi zuzuschreiben. Wer aber in der Schule aufgepasst hat, der lernt in diesem Buch, wie man andere ganz subtil als „Motherfucker“ beschimpfen kann. Ein Feuerwerk der guten Einfälle, kurzweilig geschrieben und eine erfrischende Abwechslung im deutschen Low-Level-Humor (dem ich seine Existenzberechtigung aber keineswegs absprechen möchte).
Ich selbst habe nur das Hörbuch konsumiert. Gelesen wird es von Marc-Uwe Kling höchstpersönlich, und ich kann mir kaum vorstellen, dass uns jemand dieses Werk noch ansprechender vermitteln könnte als der Autor selbst.
Übrigens ist auch die Vorgeschichte als Buch und Hörbuch erhältlich: Die Känguru-Chroniken. Soll sehr gut sein, aber da ich diese Geschichte nicht kenne, kann ich mehr dazu nicht sagen.
Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.
Schon meine Grundschul-Zeugnisse bescheinigen mir ein besonderes Interesse für Religion. So sehr bin ich im Religions-Unterricht mit meinen Beiträgen aufgefallen, dass der Lehrer es im Zeugnis vermerkte. Später als Jugendlicher hätte ich mir glatt vorstellen können, Theologie zu studieren. Doch ich habe mich für die Rechtswissenschaft entschieden und bleibe darum auf ewig ein theologischer Laie.
Als solcher steht es mir nicht zu, andere in theologischen Fragen zu unterweisen. Und doch gibt es da etwas, das ich so furchtbar spannend und ergreifend finde, dass ich darüber schreiben möchte. Ich vertraue meiner Quelle sehr und meine darum, das Folgende als gesichert behaupten zu dürfen (lasse mich aber auch gern korrigieren):
Bei Lukas steht über Tod und Kreuzigung Jesu geschrieben:
Es wurden aber auch hingeführt zwei andere, Übeltäter, daß sie mit ihm abgetan würden.
Und als sie kamen an die Stätte […] kreuzigten sie ihn daselbst und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen sie wissen nicht, was sie tun! [...]
Und das Volk stand und sah zu. Und die Obersten samt ihnen spotteten sein und sprachen: Er hat anderen geholfen; er helfe sich selber, ist er Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Kriegsknechte, traten zu ihm und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so helf dir selber! [...]
Aber der Übeltäter einer, die da gehenkt waren, lästerte ihn und sprach: Bist du Christus, so hilf dir selber und uns! Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Und wir zwar sind billig darin, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeschicktes getan. Und er sprach zu Jesu: HERR, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.
Die Hervorhebungen markieren meine persönlichen Lieblingsstellen. Der zweite Satz aber scheint problematisch. Denn wer gekreuzigt wird, stirbt, und vor dem Eintritt in das Himmelreich steht das Jüngste Gericht, das selbst heute, 2.000 Jahre später, auf sich warten lässt. Mag man bei Jesus über solche Inkompatibilitäten hinwegsehen, fragt sich schon, wieso auch der Gekreuzigte, den Jesus tröstet, noch/schon
heute
im Paradies sein wird. Das Neue Testament gibt darauf keine Antwort. Es ist ohne Hintergrundwissen schlicht und ergreifend nicht zu verstehen.
Lukas schreibt vor dem Hintergrund der seinerzeit üblichen Anschauung vom Tod und setzt diese beim Leser als bekannt voraus. Ich persönlich vermute, dass er eine Botschaft transportieren möchte: Magst du auch ein Sünder sein, noch am Ende deines irdischen Lebens kannst du dich für Gott entscheiden, und er wird dich annehmen. Das ist ja auch in etwa das, was insbesondere die katholische Kirche bis heute lehrt. Es ist hingegen nicht Lukas’ Anliegen, der Nachwelt die Totenreichvorstellungen seiner Zeit zu erklären. Vermutlich ahnt er gar nicht, wie man ihn einst missverstehen wird.
Wie kommt also nun der Mitgefolterte direkt ins Paradies, so ganz ohne vorheriges Endgericht, das die Menschen scheidet in die, die da gerecht sind (vor Gott), und die, die verdammt werden? Nach damaliger jüdischer Mythologie halten sich die Toten, während sie auf das Gericht warten, in der Scheol (שאול; griechisch: ᾍδης, Hades) auf. Diese unterteilt sich in das Paradies (παράδεισος, paradeisos) und das Gefängnis (φυλακη, phylake). Im Paradies ist alles prima, das Gefängnis ist ein Ort der Qualen. Eine Vorverurteilung also und, ganz wichtig, nur der vorübergehende Aufenthaltsort der Toten.
Der Fehler liegt darin, das Paradies, von dem Jesus spricht, mit dem Himmel zu identifizieren. Eine solche Gleichsetzung hat Lukas nicht im Sinn, als er Jesus dem Mitgekreuzigten das Paradies versprechen lässt.
Der Bundes-Zacharias
Über den Großen Zapfenstreich, das höchste militärische Zeremoniell der Bundeswehr, mag jeder denken, was er will. Man muss das mit Trara unterlegte Bild von uniformierten Soldaten im Fackelschein nicht mögen. Man darf aber, und wenn die politische Elite unseres Landes ihr Vergnügen an dieser tradierten Choreographie findet, dann sei es ihr gegönnt. Als Pfandfinder habe ich vergleichbare Szenen gemocht, und es wäre eine glatte Lüge zu behaupten, dass ich mich heute dafür schäme.
Von den Herren Scheel, von Weizsäcker, Herzog und Köhler ist nicht bekannt, dass sie den Großen Zapfenstreich aus Prinzip ablehnen. Trotzdem haben diese als einzige noch lebenden Ex-Bundespräsidenten ihre Teilnahme am Großen Zapfenstreich für Wulff abgesagt. Nichts Genaues weiß man nicht, aber ich wage zu behaupten, dass sie hiermit ihre Verachtung ausdrücken wollen. Auch amtierende Spitzenpolitiker wie der SPD-Fraktionsvorsitzende Steinmeier wollen dem Event fernbleiben. SPD-Generalsekretärin Nahles wird gar mit den Worten zitiert, ihr sei
niemand bekannt, der aus der SPD-Führung daran teilnimmt.
Es hat geschmerzt, Wulff in seinem berüchtigten TV-Interview sagen zu hören, dass, wer ohne Sünde sei, den ersten Stein werfen solle. Mir ist kein anderer Fall bekannt, in dem sich jemand unter Berufung auf dieses Bibel-Wort selbst vergibt. Mittlerweile frage ich mich aber, ob das Zitat nicht sogar passt.
Kann sich Köhler diesen Übermut leisten? Ist es wirklich nötig, dass von Weizsäcker, dessen Verdienste ich anerkenne, Wulff so erniedrigt? Wulff ist nicht der erste und auch keineswegs der offenkundig schlimmste Spitzenpolitiker, der zurücktreten musste. Er ist aber, wenn ich nicht irre, der erste, bei dem man sich wegen der Teilnahme an diesem Uniform-Trara dermaßen anstellt.
Wulff scheint sich zu einem Prügelknaben zu entwickeln. Meine biblische Assoziation ist indes nicht die Frau, die Jesus vor der Steinigung rettet; meine Assoziation ist Zacharias. So gesehen passt das von Wulff gewählte Zitat dann nicht, aber die Geschichte von dem Zöllner, mit dem niemand etwas zu schaffen haben wollte, und der ja auch tatsächlich selbst ein Sünder war, diese Geschichte hätte Wulff erzählen können.
Theorie und Praxis in der Juristerei
(Für Juristen)
Spätestens mit Abschluss der zweiten juristischen Staatsprüfung habe ich aufgehört, Willenserklärungen zu sezieren, mich an Detailfragen des Eigentümer-Besitzer-Verhältnisses zu erfreuen und nach klugen Argumenten für und gegen die Theorie des äquipollenten Parteivorbringens zu suchen.
Grau ist alle Theorie, lässt Goethe uns durch seinen Mephisto wissen. Ich persönlich stehe der Theorie viel aufgeschlossener gegenüber. Doch auch ich kann nicht leugnen, dass vielerlei Denken und Schreiben nie aus seinem Gefängnis entkommen kann, welches Spötter Elfenbeinturm zu nennen pflegen.
Vielerlei heißt aber nicht: alles. Immer wieder staune ich, wie viel des im Studium Gelernten man in der beruflichen Praxis brauchen und gebrauchen kann: handelsrechtliche Rügeobliegenheit, kaufmännisches Bestätigungsschreiben, gutgläubiger Eigentumserwerb, weiterfressender Mangel, Dissens bei fehlender Beurkundung (Vermutung des nicht geschlossenen Vertrages), Haakjöringsköd und viele andere Figuren aus dem rechtswissenschaftlichen Studium sind von praktischer Relevanz (gutgläubiger Erwerb war bislang nur einmal Thema, aber Haakjöringsköd konnte ich schon zwei oder sogar drei Mal „verwursten“).
Heute nun habe ich hochoffiziell den Auftrag erhalten, eine Verfassungsbeschwerde zu entwerfen. Im Studium tausend Mal gemacht, nichts Neues also, aber wenn ich irgendetwas für rein theoretisch gehalten haben sollte, dann ganz sicher Verfassungsrecht. Natürlich kommt man als Jurist dann und wann mit Fragen des Grundgesetzes in Berührung, etwa im Zusammenhang mit den Generalklauseln des Privatrechts; die Verfassungsbeschwerde aber ist ein Rechtsbehelf rein verfassungsrechtlicher Natur. Seine Zulässigkeit ist eine Frage nur des Verfassungsprozessrechts, und Maßstab der Begründetheit ist ausschließlich das Grundgesetz, weil das Bundesverfassungsgericht, wie wir alle wissen, keine Superrevisionsinstanz bildet.
Die Statistik lässt mir geringe Chancen ausrichten. Die wenigsten Verfassungsbeschwerden haben Erfolg, die meisten werden gar nicht erst zur Entscheidung angenommen. Doch nichts ist unmöglich. Ich freue mich auf diese Aufgabe wie auf so viele andere, die den juristischen Geist erquicken. Es ist fantastisch, mit etwas Geld zu verdienen, das du so viel Freude bereitet!
Solidarität mit den Griechen!
Griechenland hat massiv über seine Verhältnisse gelebt. Überall Luxus, Rundumversorgung und üppige Pensionen. Nun bricht alles zusammen, und wenn wir Griechenland schon mit unserem Geld unter die Arme greifen, dann sollen die Griechen ihr Haus wenigstens konsequent sanieren. Es kann schließlich nicht angehen, dass der deutsche Steuerzahler zig Milliarden ausgibt, um den Griechen ihr Paradies zu sichern, während er selbst hart arbeitet und von dem Schlaraffenland, das er anderen finanziert, nur träumen kann.
Soweit das, was man uns glauben machen will. Ich gebe zu, für diese Polemik anfangs recht empfänglich gewesen zu sein. Auch muss ich einräumen, dass ich den komplexen Sachverhalt nicht in all seinen Dimensionen erfassen kann. Wahrscheinlich hat Griechenland wirklich über seine Verhältnisse gelebt.
Auf einem anderen Blatt steht allerdings die Frage, wer davon wie profitiert hat. Die Annahme, alle Griechen lebten als sorglose Hedonisten, dürfte ins Reich der Märchen gehören. Die deutsche Bevölkerung aber glaubt daran und spricht sich (unter anderem) deshalb gegen finanzielle Unterstützung aus.
Auch ich bezweifle den Sinn der sog. Rettungspakete, wie sie vom Bundestag nun mit überwältigender Mehrheit abgesegnet werden. Nicht nur DIE LINKE, sondern auch renommierte Wirtschaftswissenschaftler halten diese Maßnahmen für verfehlt, nutzlos, gefährlich. Eine bemerkenswerte Allianz: parteiunabhängige Wirtschaftsliberale Hand in Hand mit Sozialisten gegen einen christlich-demokratischen, christlich-sozialen, neoliberalen, sozialdemokratischen und, nicht zu vergessen, grünen Konsens (die Grünen dem linken Lager zuzuordnen, wie es allenthalben geschieht, ist ohnehin nicht apodiktisch richtig.)
DIE LINKE sorgt sich freilich weniger um das Geld des deutschen Steuerzahlers als vielmehr um das Schicksal der griechischen Bevölkerung. Denn die sog. Rettungspakete werden zusammen mit sog. Sparpaketen ausgeliefert, und diese sehen weit mehr vor als nur die Vertreibung aus dem Paradies. Wenn das, was nunmehr bis in die Mainstream-Presse vorzudringen beginnt, auch nur in Teilen stimmt, dann treiben wir die Griechen in ein soziales Elend, das in Europa seinesgleichen sucht. Wenn die Not aber wirklich so groß ist, dann ist Solidarität das Gebot der Stunde, ganz gleich wer da was zu verantworten und wer wie wovon profitiert hat.
Die bisherigen Finanzspritzen scheinen eher den Gläubigern zu dienen als den Schuldnern, geschweige denn der griechischen Bevölkerung. Diese Bevölkerung aber bedarf unserer Hilfe. Daher plädiere ich mit der Mehrheit meiner Landsleute gegen die bisherigen Maßnahmen, aber gegen diese Mehrheit für Solidarität mit den Menschen in Griechenland, die es vor Not und Elend zu schützen gilt.
