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Archiv für die Kategorie ‘Weltverbesserung’

Was gesagt werden muss

2012/04/09 5 Kommentare

Die Causa Günter Grass möchte ich zum Anlass nehmen, mich zum Themenkomplex Nahostkonflikt und Antisemitismus zu äußern:

1. Es muss erlaubt sein, den Staat Israel zu kritisieren, und es ist auch erlaubt. Die israelische Politik wird nirgendwo kontroverser diskutiert als in Israel selbst. Auch in Deutschland ist Israel-Kritik kein Tabu. Unzählige Beispiele beweisen, dass die meisten der selbst ernannten Tabubrecher ein Recht auf Meinungsäußerung in Anspruch nehmen, das ihnen niemand streitig machen will. Die Bundesregierung etwa bezieht klar Stellung gegen Israels Pläne, den Iran anzugreifen, und niemand wirft ihr Antisemitismus vor.

2. Ein Großteil dessen, was der äußeren Form nach Israel-Kritik sein soll, ist in Wahrheit nichts anderes als kaschierter Antisemitismus. Dieser Verdacht liegt insbesondere dann nahe, wenn sich jemand einen feuchten Kehricht für die zahlreichen Kriege und Menschenrechtsverletzungen auf der Welt interessiert, aber beim Thema Nahostkonflikt zum leidenschaftlichen Kämpfer gegen das zionistische Unrecht aufschwingen will.

3. Nicht jede Israel-Kritik ist antisemitisch motiviert. Im Einzelfall hat die Unschuldsvermutung zu gelten. Wer den Vorwurf des Antisemitismus nicht beweisen kann, sollte ihn auch nicht erheben. Im Fall von Günter Grass sehe ich einen solchen Beweis in keiner Weise geführt.

4. Deutschland sollte sich bei den Themen Israel und Judentum locker machen. Viele Juden teilen diese Meinung, sowohl in Deutschland als auch in Israel als sicher auch in anderen Ländern. So wirbt etwa der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland Avi Primor in einem Buch für ein weniger verkrampftes Verhältnis zwischen Deutschland und dem Judentum.

5. Günter Grass‘ „Gedicht“ ist weder ein lyrisches Meisterwerk, noch führt es irgendwelche neuen Gedanken oder Aspekte ins Feld. Es ist allgemein bekannt, dass Israel mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit über Atomwaffen verfügt. Das von Grass behauptete

allgemeine Verschweigen

gibt es schlichtweg nicht. Oder woher hat unser Nobelpreisträger sein Wissen? Jedenfalls mir war nur eines neu, was Grass geschrieben hat, nämlich dass wir demnächst ein U-Boot nach Israel liefern werden. Das kann man genauso schlimm finden wie jede andere Waffenlieferung ins Ausland auch. Der Tod ist wahrlich ein Meister aus Deutschland, denn bei den Rüstungsexporten spielen wir in der ersten Liga. Indem Grass allerdings zwischen den Zeilen suggeriert, Israel wolle

allesvernichtende

Atombomben dorthin lenken,

wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,

manipuliert er seine Leser: Die Behauptung, Israel plane, den Iran auszulöschen, ist nicht mehr bewiesen, als dass der Iran nach Nuklearwaffen strebt. Israel spricht öffentlich von einem Angriff auf iranische Anlagen zur Herstellung von Atomwaffen, nicht von einem Angriff mit Atomwaffen. Ich sehe keinen Grund für die Annahme, Israel wolle den Iran vernichten. Unbewiesen ist diese (von Grass allerdings auch nicht expressis verbis aufgestellte) Behauptung allemal.

6. Selbst wenn Israel der böseste Okkupator der Welt wäre, ein völker- und menschenrechtswidrig handelnder Verbrecherstaat der übelsten Sorte, müssten der Iran und andere Gegner Israels nicht zwingend harmlos sein. Derzeit wird vielfach davon gesprochen, dass der iranische Staatspräsident Ahmadinedschad entgegen sich hartnäckig haltender Gerüchte nie gefordert habe, Israel von der Landkarte zu löschen (das schon lange bekannte Problem einer Zitat-Übersetzung). Daran erschöpft sich die Beurteilung dann vielfach. Als würde sich Ali Chamene’i, das iranische Staatsoberhaut, nie ähnlich geäußert haben; als habe Ahmadinedschad seinen bedrohlichen Israel-Hass anders nie ausgedrückt; als würde es die absurde Holocaust-Konferenz im Iran im Jahre 2006 nicht gegeben haben.

7. Es ist falsch und schlecht, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Weder Israel noch der Iran noch Deutschland noch irgendein anderes Land in dieser Welt oder irgendein Mensch in derselben ist einfach nur gut oder einfach nur böse. Im Nahostkonflikt verbietet sich eine derart simplifizierende Betrachtungsweise allemal. Sie ist nicht nur ungerecht, sondern bringt auch keinerlei Erkenntnisgewinn und trägt zur Lösung der Konflikte nichts bei.

8. Jedermann hat alles Recht, gegen die israelische Siedlungspolitik, gegen einen israelischen Angriff auf den Iran und gegen allerlei sonst zu protestieren, was mit Israel und dem Nahostkonflikt zusammenhängt. Grundlage dieses Protestes sollte aber eine von Sachkenntnis getragene und differenzierte und faire Betrachtung sein. Die gibt es meiner Meinung nach viel zu selten.

Solidarität mit den Griechen!

2012/02/28 1 Kommentar

Griechenland hat massiv über seine Verhältnisse gelebt. Überall Luxus, Rundumversorgung und üppige Pensionen. Nun bricht alles zusammen, und wenn wir Griechenland schon mit unserem Geld unter die Arme greifen, dann sollen die Griechen ihr Haus wenigstens konsequent sanieren. Es kann schließlich nicht angehen, dass der deutsche Steuerzahler zig Milliarden ausgibt, um den Griechen ihr Paradies zu sichern, während er selbst hart arbeitet und von dem Schlaraffenland, das er anderen finanziert, nur träumen kann.

Soweit das, was man uns glauben machen will. Ich gebe zu, für diese Polemik anfangs recht empfänglich gewesen zu sein. Auch muss ich einräumen, dass ich den komplexen Sachverhalt nicht in all seinen Dimensionen erfassen kann. Wahrscheinlich hat Griechenland wirklich über seine Verhältnisse gelebt.

Auf einem anderen Blatt steht allerdings die Frage, wer davon wie profitiert hat. Die Annahme, alle Griechen lebten als sorglose Hedonisten, dürfte ins Reich der Märchen gehören. Die deutsche Bevölkerung aber glaubt daran und spricht sich (unter anderem) deshalb gegen finanzielle Unterstützung aus.

Auch ich bezweifle den Sinn der sog. Rettungspakete, wie sie vom Bundestag nun mit überwältigender Mehrheit abgesegnet werden. Nicht nur DIE LINKE, sondern auch renommierte Wirtschaftswissenschaftler halten diese Maßnahmen für verfehlt, nutzlos, gefährlich. Eine bemerkenswerte Allianz: parteiunabhängige Wirtschaftsliberale Hand in Hand mit Sozialisten gegen einen christlich-demokratischen, christlich-sozialen, neoliberalen, sozialdemokratischen und, nicht zu vergessen, grünen Konsens (die Grünen dem linken Lager zuzuordnen, wie es allenthalben geschieht, ist ohnehin nicht apodiktisch richtig.)

DIE LINKE sorgt sich freilich weniger um das Geld des deutschen Steuerzahlers als vielmehr um das Schicksal der griechischen Bevölkerung. Denn die sog. Rettungspakete werden zusammen mit sog. Sparpaketen ausgeliefert, und diese sehen weit mehr vor als nur die Vertreibung aus dem Paradies. Wenn das, was nunmehr bis in die Mainstream-Presse vorzudringen beginnt, auch nur in Teilen stimmt, dann treiben wir die Griechen in ein soziales Elend, das in Europa seinesgleichen sucht. Wenn die Not aber wirklich so groß ist, dann ist Solidarität das Gebot der Stunde, ganz gleich wer da was zu verantworten und wer wie wovon profitiert hat.

Die bisherigen Finanzspritzen scheinen eher den Gläubigern zu dienen als den Schuldnern, geschweige denn der griechischen Bevölkerung. Diese Bevölkerung aber bedarf unserer Hilfe. Daher plädiere ich mit der Mehrheit meiner Landsleute gegen die bisherigen Maßnahmen, aber gegen diese Mehrheit für Solidarität mit den Menschen in Griechenland, die es vor Not und Elend zu schützen gilt.

Illinois schafft Todesstrafe ab

2011/03/10 7 Kommentare

Zu den eher schwächeren Argumenten gegen die Todesstrafe gehört die Gefahr von Fehlurteilen. Jede Kriminalstrafe, auch die geringste, setzt den vollen Beweis der Schuld voraus. Ein Urteil, das diesem Maßstab nicht gerecht wird, ist unabhängig vom Strafmaß falsch. So gesehen ist die Gefahr von Fehlurteilen eher ein Argument gegen das Strafrecht im Ganzen als spezifisch gegen die Todesstrafe.

Ich bestreite allerdings nicht, dass es schlimmer ist, einen Unschuldigen zu exekutieren als ihn „nur“ ins Gefängnis zu werfen. Denn erstens halte ich die Todesstrafe für härter als bloße Haft, und zweitens kann eine unschuldig verbüßte Gefängnisstrafe, wenn sich später die Unschuld des Verurteilten ergibt, zumindest begrenzt entschädigt werden.

Letztlich ist es mir aber auch egal, warum ein Staat auf die Todesstrafe verzichtet, solange er es nur tut. So wie fortan der US-Bundesstaat Illinois, dessen Gouverneur gestern ein entsprechendes Gesetz unterzeichnet hat. Das Motiv des Gouverneurs war ausdrücklich seine tiefe Sorge

über die Möglichkeit, dass eine unschuldige Person hingerichtet wird.

Das ist vielleicht nicht das beste Argument gegen die Todesstrafe. Aber was soll’s! Die Hauptsache ist doch, dass in Illinois keine Todesurteile mehr verhängt oder vollstreckt werden. Jeder Staat, der, gleich aus welchen Gründen oder in welcher Weise, Straftaten mit dem Tode sanktioniert, ist einer zu viel. Darum besteht jedes Mal, wenn ein Staat die Todesstrafe abschafft, Grund zur Freude. Das Motiv für die Abschaffung ist sekundär.

Pelz

Dies ist die Geschichte einer Katze. Ein Mensch versucht, sie mit einem Knüppel zu töten. Dann knüpft er das verletzte, aber noch lebende und völlig wehrlose Tier an einem Balken auf und zieht dem laut schreienden Geschöpf die Haut vom Körper ab. Anschließend wirft er das noch immer lebende Tier auf einen Kadaverhaufen, wo es nach einigen Minuten qualvoll stirbt.

Kein Kindermärchen, ich weiß. Das Problem ist nur, dass die Geschichte keine Phantasie, sondern grausame Realität ist. Wie mich PETA gestern brieflich informierte, sterben jedes Jahr Millionen von Kaninchen, Füchsen, Nerzen und auch Hunden und Katzen auf solche oder ähnliche Weise. Es liegen offenbar Foto- und Videobeweise aus China vor, die Geschichten wie diese erzählen. Und wofür? Für die Mode! Zumindest Hunde- und Katzenfälle dürfen in die EU zwar nicht eingeführt werden. Aber: Die Einfuhr erfolgt trotzdem, wenn auch mit falschem Label. Und: Die EU ist nicht die ganze Welt. Außerdem: Hunde und Katzen sind nicht die einzigen leidensfähigen Tiere.

Für einen einzigen Pelzmantel, so informiert PETA weiter, werden 15 Hunde, 24 Katzen, 38 Kaninchen oder 80 Eichhörnchen benötigt. Jedes einzelne Tier, dem man so etwas antut, ist eines zu viel. Der Verzicht auf diese Folter dürfte nicht einmal schwerfallen, denn längst lässt sich aus Baumwolle Kunstpelz herstellen, der eine vergleichbare Qualität aufweist und dabei auch noch billiger ist. Und selbst wenn nicht: Wir brauchen nicht unbedingt Pelz.

PETA hat dem Schreiben drei Grußkarten mit jeweils einem Zitat beigefügt. Zwei davon möchte ich hier wiedergeben:

Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt. (Mahatma Gandhi)

Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken. (Indische Weisheit)

Weitere Informationen und die Möglichkeit zu spenden gibt es bei pelzfarm.info.

Tiere töten und essen. Hart aber fair?

2010/12/20 2 Kommentare

Vegetarier bin ich nach Jahren des Ringens mit mir selbst geworden, weil ich zwar sehr gern Fleisch gegessen, aber für den Fleischverzehr keine Rechtfertigung gefunden habe. Eine Rechtfertigung könnte es etwa sein, wenn wir ohne Fleisch nicht überleben würden. So verhält es sich aber nicht, jedenfalls nicht hier und heute, im Deutschland des Jahres 2010. Gewiss, Fleisch enthält eine Reihe lebensnotwendiger Nährstoffe, doch keiner davon ist nur im Fleisch zu finden.

Obwohl ich für mich eine Entscheidung getroffen habe, verfolge ich nach wie vor aufmerksam die Diskussion um das Für und Wider des Fleischkonsums. Vor einigen Tagen hat sich sogar Frank Plasberg in der Sendung Hart aber fair des Themas angenommen. Nun bin ich wahrlich kein Mensch, der, wenn er eine Position vertritt, alle Argumente, die für diese Position vorgetragen werden, gutheißt, und alle anderen Argumente zurückweist. In der Vegetarismus-Debatte empfinde ich es aber schon so, dass die Befürworter des Tiereessens weitaus weniger vorzutragen haben als die Vegetarier und zwar nicht nur quantitativ, sondern insbesondere auch qualitativ.

Bei Hart aber fair wurde etwa die Deutsche Bischofskonferenz ins Feld geführt, die vor einigen Jahrzehnten erklärt habe, dass man Tiere, weil diese keine Seele hätten, ruhig essen dürfe. Ob die Bischofskonferenz eine solche Erklärung wirklich abgegeben hat, weiß ich nicht, aber zumindest ein Teilnehmer der Diskussionsrunde bei Plasberg hat sich dieses Argument zu Eigen gemacht, weswegen ich mir erlaube, es aufzugreifen:

Die Deutsche Bischofskonferenz also! Wie steht es eigentlich um deren Legitimation, in moralischen und ethischen Fragen zu urteilen? Wer nicht katholisch ist oder zumindest einer anderen christlichen Konfession angehört, wird sich kaum dafür interessieren, was die Bibel über den Fleischkonsum sagt, und erst recht nicht dafür, was die Deutsche Bischofskonferenz sagt, was die Bibel darüber sagt. Viele Menschen sehen in katholischen Würdenträgern, ob zu Recht oder nicht, weltfremde Reaktionäre. Christen werden von Jesus in der Bergpredit sogar ermahnt, eine größere Gerechtigkeit walten zu lassen als die der Theologen.

Auch sonst steht es um das Argument nicht gut. Woraus soll sich ergeben, dass man etwas immer dann essen darf, wenn es keine Seele hat? Alles spricht dafür, dass Tiere wenn auch vielleicht kein Ich-Bewusstsein, so doch Gefühle haben und leidensfähig sind. Eben das ist aber doch das Problem: das Leid der Tiere, nicht die Frage, ob diese eine Seele haben. Und was wäre eigentlich, wenn man nun herausfinden und beweisen könnte, dass Menschen nicht mehr oder weniger eine Seele haben als Tiere? Dürfte man sie dann auch essen?

Überhaupt verdeutlicht es die Fragwürdigkeit mancher Argumente, wenn man diese kurzerhand auf Menschen überträgt. Tiere darf man essen, so hörte ich neulich, weil diese keinen Lebensplan hätten. Warum dasselbe dann nicht auch für Menschen gelten soll, die keinen Plan für ihr Leben haben, konnte nicht geklärt werden. Es hießt nur abstrakt, das eine sei mit dem anderen nicht zu vergleichen.

Das einzige mir neue Argument bei Hart aber fair lautete übrigens, dass Schweine, wenn wir sie nicht essen würden, gar nicht erst existierten. Auch dieses Argument wird schnell als scheinheilig entlarvt, wenn wir es auf Menschen übertragen. Wer würde denn schon ernsthaft vertreten, dass es legitim sei, Menschen zu züchten, um dann mit denen, die gezüchtet wurden, nach Belieben zu verfahren, sie also etwas zu töten und zu essen?

Das vielleicht ärgerlichste Argument aber ist und bleibt das der Toleranz. Wenn wir den Lebensstil der Vegetarier und Veganer tolerieren, so ein Fleisch essender Journalist bei Hart aber fair, dann möchten dieselben doch bitte tolerieren, dass andere Menschen Fleisch konsumieren. Was gilt es zu erwidern? Zunächst einmal versuchen ja die wenigsten Vegetarier, anderen ihre Ernährungsweise aufzuzwängen. Und dann erfordert es auch nicht sonderlich viel Toleranz zu akzeptieren, dass Menschen ein bestimmtes Lebensmittel nicht essen wollen, insbesondere wenn es sich dabei um Fleisch handelt: Denn wenn etwas moralisch verwerflich sein sollte, dann doch das Quälen und Töten von Tieren und nicht der Verzicht darauf. Ich weiß nicht, ob und unter welchen Umständen man Fleischverzehr rechtfertigen kann, aber der freiwillige Verzicht auf Fleisch ist über jeden moralischen Zweifel erhaben.

Vegetarismus – eine Zwischenbilanz

Nach etwa drei Monaten Vegetarismus wird es Zeit für eine erste Bilanz:

Der Fleischverzicht fällt mir schwer, aber nicht so schwer wie befürchtet. Wäre die Ernährung in Deutschland nicht so fleischlastig, würde ich vielleicht sogar davon sprechen, dass mir der Vegetarismus leicht falle. Die Realität sieht freilich anders aus. Bis zu drei Mal die Woche speise ich in einer Kantine, in der täglich fünf Gerichte zur Auswahl stehen, von denen fast immer nur eines vegetarisch ist. Selbst das sog. Salatbuffet, bei dem zwei oder sogar drei Beilagen zur Auswahl stehen, kommt regelmäßig nicht ohne Fleisch aus.

Obwohl es dabei bleibt, dass ich mir den Fleischkonsum keineswegs verbiete, sondern eben einfach nur kein Fleisch esse, scheint aus meinem Testlauf nun eine Lebenseinstellung zu werden. Wenn ich drei Monate ohne Fleisch auskomme, wird mir dies, denke ich, auch dauerhaft gelingen. Am Donnerstag werde ich die Einzelheiten mit einer Ernährungsmedizinerin besprechen. Gesund bleiben will ich schon.

Ab und an, bislang nicht oft, kommt es vor, dass ich mich vor anderen für meine Entscheidung, fortan kein Fleisch mehr zu essen, mehr oder weniger rechtfertigen muss. Daran werde ich mich nur schwer gewöhnen, wenn überhaupt. Meines Erachtens muss sich derjenige rechtfertigen, der Tiere isst, nicht derjenige, der das unterlässt. So habe ich übrigens auch früher schon gedacht, als ich selbst noch Fleisch konsumiert habe. Gerade weil ich diesen Konsum nicht mehr rechtfertigen konnte, habe ich ihn ja eingestellt.

Wie kompliziert nur alles wäre, wenn ich Veganer würde! Die Auswahl an Lebensmitteln würde drastisch kleiner, und die Aufforderung, mich zu rechtfertigen, umso häufiger. Das Dumme ist nur, dass mir auch die Rechtfertigung für eine nicht-vegane Lebensweise durchaus schwerfällt.

Tierwürde

(Für Juristen und Nichtjuristen)

Die Menschenwürde ist nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts die wichtigste Wertentscheidung des Grundgesetzes und ausweislich der Verfassung als einziges Grundrecht

unantastbar,

das heißt: von vornherein nicht einschränkbar. Verletzt wird das Grundrecht nach einiger gängigen Formel, wenn ein Mensch zum bloßen Objekt staatlichen Handelns degradiert wird.

Tiere sind nach unseren Gesetzen nicht rechtsfähig, das heißt, sie können vor dem Gesetz weder Rechte noch Pflichten haben. Schon darum haben sie juristisch betrachtet keinen subjektiven Anspruch auf eine Art Tierwürde, auch keinen solchen, der von einem menschlichen Vertreter erhoben werden kann. Der den Tieren gewährte gesetzliche Schutz ist rudimentär. So ist es etwa strafbar,

ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund

zu töten.

Überträgt man die oben genannte Definition der Menschenwürde auf die Vorstellung einer Art Tierwürde, so könnte Letztere etwa folgende Bedeutung haben: Die Würde des Tieres ist verletzt, wenn das Tier zum bloßen Objekt menschlichen Handelns degradiert wird. Juristisch ist das falsch, aber moralisch entspricht es ganz meiner Ansicht. Damit möchte ich nicht sagen, dass sich der gesetzliche Tierschutz auf das Verbot beschränken soll, Tiere zu bloßen Objekten zu degradieren; dieses Verbot ist aber der Mindeststandard, den ich fordere, und ein Schritt auf dem Weg zum rechten Umgang mit den Tieren.

Die Realität sieht leider anders aus, rechtlich und tatsächlich. Die Massentierhaltung führt hier mehr, dort weniger zu Zuständen, die jeder Beschreibung spotten. Ich möchte an dieser Stelle nur indirekt bemängeln, dass es vielen Tieren sehr schlecht ergeht. Entscheidend ist hier und jetzt die Feststellung, dass sich die Behandlung vieler, sehr vieler Tiere weitgehend oder sogar einzig und allein danach richtet, wie sie den Menschen dem größten Nutzen bringen. Unterbringung, Fütterung, Medikation usw. orientieren sich kaum und teilweise praktisch gar nicht an den Bedürfnissen unserer Mitgeschöpfe.

Legehennen in engen Käfigen, in denen sie sich kaum bewegen können, sind ein Beispiel par excellence für Tiere, die man behandelt, als seien sie Gegenstände. Man beutet den lebenden Organismus, der in der Lage ist, etwas zu produzieren, das wir künstlich (so) nicht herstellen können, aus, als könnte man die Funktionalität des Tieres von dessen Wesen trennen. Man sagt: Du bist zwar ein lebendiges Wesen, aber wir tun so, als seist du, wie Descartes es glaubte, eine Maschine, unfähig zu jeder Art von Empfinden.

Die fast allgemeine Empörung der Bevölkerung ist zu einem nicht unerheblichen Teil bigott. Seit vielen Jahren sind Eier aus Freilandhaltung erhältlich; die Tatsache aber, dass auch andere Eier, etwa aus völlig inakzeptabler Käfighaltung, nach wie vor zu kaufen sind, zeugt von einer entsprechenden Nachfrage. So fordert die Bevölkerung denn fast einhellig bessere Bedingungen für Nutztiere, aber ein nicht unerheblicher Teil kennt nur solche Gerechtigkeit, die den eigenen Geldbeutel schont.

Zweierlei ist zu tun: Erstens muss mehr Aufklärungsarbeit betrieben werden. Das Gefühl, tierische Produkte kämen nicht von Tieren, sondern aus dem Supermarkt, ist eine Illusion, die durch gezielte Information beseitigt werden kann. Zweitens brauchen wir ganz andere Gesetze und, ganz wichtig, eine dichte Kontrolle, welche die Einhaltung dieser Gesetze garantiert.

Normen: Art. 1 GG; § 17 TierSchG.

Amnesty International

(Für Juristen und Nichtjuristen)

Der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Folter im Strafverfahren lag ein durchaus fortschrittlicher Gedanke zugrunde. Das beste Beweismittel, so dachte man (und denkt man übrigens bis heute), sei das Geständnis. Confessio est regina probationum! Man folterte die Beschuldigten dann allerdings, um ein Geständnis zu erlangen und Anklage und Verurteilung auf die bestmögliche Grundlage zu stützen. Dabei wurde freilich verkannt, dass die Frage von Schuld und Unschuld nicht wirklich darüber entscheidet, wer unter der Folter gesteht und wer seine Schuld konsequent leugnet. Gott, so glaubte man, werde dem Unschuldigen und nur diesem die Kraft geben, die Folter zu ertragen. Nur ein weiteres trauriges Beispiel dafür, welchen Irrtümern man ob eines Glaubens erliegen und welche Abscheulichkeiten man auf seiner Grundlage begehen kann.

Die Folter als Verhörmethode, auch peinliche Befragung oder hochnotpeinliche Befragung genannt, war oft nur der erste Teil einer zweiaktigen Tragödie. Den zweiten Teil bildete die Bestrafung selbst, die, mit oder ohne Absicht, den Delinquenten zu töten, oft nichts anderes war als Folter. Die Kreativität der Menschen, die Folter- und Tötungsmethoden entwickelten, ist überaus erschreckend und nahezu grenzenlos.

Leider haben wir dieses dunkle Zeitalter bis heute nicht überwunden. In vielen Ländern wird nach wie vor systematisch gefoltert und getötet, offiziell oder inoffiziell, und auch Staaten, die sich den Kampf für Menschenrechte auf ihre Fahnen geschrieben haben, beteiligen sich daran. In Deutschland ist die Situation recht erfreulich: Todesstrafe abgeschafft, Folter verboten, die Bedingungen in den Haftanstalten, soweit ich das beurteilen kann, relativ gut. Nach gängigen Klischees, die dann allerdings wirklich nicht mehr sind als solche, kann man deutsche Gefängnisse mit mittelklassigen Hotels vergleichen.

Das Dumme ist nur: Viele Deutsche hätten es lieber anders. Die Befürwortung der Todesstrafe, obwohl man für diese keinen vernünftigen Grund anführen kann, ist gewaltig. Auch der Wunsch nach Folter und möglichst qualvollen Hinrichtungen ist weit verbreitet. Wer, mit Luther gesagt, dem Volk aufs Maul schaut, selbst aber konsequent für Menschenrechte eintritt, kann sich nur gruseln. Insbesondere wenn es um Mörder und um sog. Kinderschänder geht, blühen Gewaltphantasien unvorstellbaren Ausmaßes auf. Mit Entsetzen beobachte ich immer wieder, wie offen mehr oder minder biedere Staatsbürger erzählen, was sie den Kinderschändern alles wünschen und was diesen anzutun sie selbst ohne weiteres bereit wären. Man sollte meinen, dass über sich selbst erschrickt, wer so ideenreich und schwärmerisch von Folter, Verstümmelung und Tötung spricht, aber dergleichen beobachte ich nie. Auch kann ich mich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass die Tat des Delinquenten kaum mehr sein soll als eine willkommene Rechtfertigung für Folterphantasien.

Ich gehöre zu jenen, die konsequent für Menschenrechte plädieren und zwar für jedermann. Darum verlinke ich ab sofort die Website von Amnesty International hier im Blog.

Brot für die Welt

2010/10/10 1 Kommentar

Ein zentrales Problem dieser Welt ist ihr Hunger, der Welthunger also. Über die Ursachen, Symptome und Strategien zur Bekämpfung weiß ich, um ehrlich zu sein, nicht sonderlich viel, jedenfalls noch viel zu wenig. Wikipedia entnehme ich, dass im Jahr 2005 allein in den USA, einem Land der sog. Ersten Welt, über 10.000.000 Menschen gehungert haben. Ganze 35.000.000 US-Bürger hatten offenbar Schwierigkeiten, sich zu ernähren. Wie viel dramatischer die Situation erst in Ländern der sog. Dritten Welt ist, ganz besonders im zentralen und südlichen Afrika! Diese Situation ist unerträglich und zwar auch und gerade deswegen, weil dem hungernden Teil der Menschheit ein übersättigter gegenübersteht.

Man hat längst erkannt, dass es nicht damit getan ist, Geld in arme Länder zu schicken. Alternativen scheinen aber nur halbherzig verfolgt zu werden; anders kann ich mir kaum erklären, dass noch immer 1.000.000.000 Menschen hungern (das ist jeder siebte Mensch auf der Erde), und dass jährlich rund 9.000.000 Menschen nicht nur hungern, sondern sogar verhungern. Ist es wirklich nicht möglich, diesen Menschen zu helfen, oder fehlt allein der ausreichende Wille?

Ab sofort verlinke ich in diesem Blog die Internetpräsenz von Brot für die Welt. Ich verbinde diese Verlinkung mit dem Aufruf zu spenden. Brot für die Welt leitet das Geld nicht einfach an arme Länder weiter, sondern entwickelt und fördert verschiedene Konzepte, über die man sich auf der Website umfassend informieren kann. Am meisten ist den Hilfsorganisationen übrigens mit regelmäßigen Spenden geholfen, wie man mir bei Brot für die Welt erklärte, weil diese Planungssicherheit gewähren. Ein paar Euro pro Monat, ich denke, das kann sich (fast) jeder leisten.

Peta

2010/10/09 2 Kommentare

Die internationale Tierschutzorganisation Peta kämpft recht forsch für die Rechte unserer animalischen Mitgeschöpfe und scheut auch drastische Darstellungen nicht. Aufsehen erregte Peta etwa durch die bildlichen Vergleiche von Tieren in moderner Massenhaltung mit KZ-Häftlingen. Die Empörung war groß: Das eine könne mit dem anderen nicht verglichen werden, so die Kritik. Wer beides auf eine Stufe stelle, verharmlose die KZs.

Richtig, so sollte man meinen, und so dachte auch ich. Und doch ertappte ich mich bei einem ketzerischen Gedanken, dem ich mich bis heute nicht ganz erwehren kann: Vielleicht verharmlost Peta nicht die KZs, sondern vielleicht verharmlosen Petas Kritiker die Massentierhaltung. Es ist kaum zu leugnen, dass mit zahlreichen Tieren heute nicht besser umgegangen wird als seinerzeit mit zahlreichen Menschen: Man sperrt sie auf engstem Raum ein, man nimmt medizinische Experimente an ihnen vor, man tötet sie usw., kurz: Man behandelt sie wie Sachen und degradiert sie zu bloßen Objekten. Wenn Petas Vergleich also unangebracht ist, dann nicht etwa, weil man Tiere tatsächlich doch besser behandelt, sondern ausschließlich, weil es einen moralischen Unterschied macht, ob man Menschen oder Tiere so behandelt. Peta sagt nicht und meint auch nicht, man könne Menschen ruhig in KZs verschleppen, sondern Peta sagt und meint das Gegenteil: Man solle kein Lebewesen so behandeln, Menschen nicht, aber Tiere eben auch nicht.

Die Höherwertigkeit des Menschen wird als Dogma (fast) allgemein anerkannt, lässt sich aber ethisch nicht ganz leicht begründen. Ich selbst verschließe mich ihrer Möglichkeit zwar nicht, wüsste aber auch nur wenig für sie anzuführen, so dass ich sie eher als eine Art ethisches Axiom begreife. Für die Frage nach dem rechten Umgang mit Tieren kann die Höherwertigkeit des Menschen aber sowieso dahinstehen; denn wenn der Mensch über dem Tier steht und seinen Interessen der Vorrang einzuräumen ist, lautet der Umkehrschluss ja nicht, dass das Tier beliebig behandelt werden darf.

Wo ich Grenzen gezogen wissen möchte, weiß ich selbst nicht so recht. Tierversuche werden vielleicht großteils, aber vielleicht nicht gänzlich unverzichtbar sein. Was ist, wenn man ihrer wirklich bedarf, um Medikamente zu entwickeln, die Menschenleben retten? Was würde ich bestimmen, wenn ich entscheiden könnte, ob weiterhin soundso viele Menschen einen qualvollen Tod finden oder statt ihrer soundso viele Tiere? Ich weiß es nicht, und ich danke Gott dafür, dass er mir die Last einer solchen Entscheidung nicht auferlegt.

Es gibt noch etwas, das ich nicht so recht weiß, nämlich was ich meinen Mitmenschen abverlangen kann. In einer Folge der Simpsons entwickelt sich Lisa zur Vegetarierin und verlangt dasselbe dann von ihrem Umfeld. Die Botschaft dieser Simpsons-Folge lautet, dass man Toleranz üben müsse, dass also Lisa sich für den Vegetarismus entscheiden dürfe, dass sie anderen aber zubilligen müsse, weiterhin Fleisch zu konsumieren. Mein Gefühl bei dieser Moral ist exakt dasselbe wie das bei einer Szene aus der Serie Fackeln im Sturm: Einige Jahre vor Ausbruch des Sezessionskrieges besucht der US-Nordstaatler George Hazard seinen Freund Orry Main in den Südstaaten, wo er die Sklaverei aus nächster Nähe erlebt und ausdrücklich kritisiert. Orry erwidert, dass George, wolle er die Freundschaft erhalten, die Art, wie man im Süden von jeher lebe, respektieren müsse. Im Sinne der Freundschaft mag dies zutreffen, aber der mitschwingende Gedanke einer Form von Toleranz ist verfehlt. Die Toleranz des Südstaatlers gegenüber seinem Sklaven geht nämlich nicht einmal so weit, dass er diesem auch nur die grundsätzlichsten Freiheiten gewährt. Toleranz gegenüber der Intoleranz aber ist paradox. Intoleranz zu tolerieren, mehrt die eigene Toleranz nicht, sondern nimmt einen Abzug an ihr vor.

Würden Tierrechtler ihre Zeit ausschließlich damit verbringen, andere Menschen zu verurteilen, zu beschimpfen oder sogar mit Gewaltandrohung oder -anwendung zu bekehren zu versuchen, so würden sie zwar das friedliche und gedeihliche Zusammenleben der Menschen stören, aber für die Tiere wohl kaum bedeutende Siege erringen. Schon darum stellt sich die Frage, was ich meinen Mitmenschen abverlangen kann, nur theoretisch. Aber auch die Theorie (als Grundlage der Praxis) ist ja durchaus wichtig, weswegen eine Einführung in die Tierphilosophie auf meiner Wunschliste bei Amazon steht.

Von der Nutzlosigkeit allzu aggressiver Bekehrung abgesehen, denke ich auch, dass jeder erst einmal vor der eigenen Türe kehren sollte. Nachdem ich über Jahre immer wieder eine vegetarische Ernährung erwogen habe, konnte ich diesen Schritt nun endlich vollziehen. Erst habe ich meinen Fleischkonsum reduziert, dann habe ich ihn auf null gefahren, und erst dann habe ich den offiziellen Entschluss gefasst, bei diesem Verzicht nach Möglichkeit zu bleiben. Dabei habe ich mir aber kein wirkliches Verbot auferlegt. Würde ich den Vegetarismus nicht durchhalten, so könnte mir niemand ein Scheitern vorwerfen; ich verbiete mir nicht, Fleisch zu essen, sondern ich esse nur kein Fleisch. Zugegeben fällt mir das schwer. Wie verflixt fleischlastig unsere Ernährung ist, war mir bislang gar nicht so klar, und dass ich Fleisch liebe, wusste ich zwar vorher, doch macht es das auch nicht unbedingt leichter. Mein Vegetarismus hat jedenfalls keine gesundheitlichen Gründe, und er beruht auch nur in zweiter Linie auf dem Gedanken an den Welthunger (zu dem ein hoher Fleischkonsum nach umstrittener Auffassung im Zusammenhang steht); es geht mir primär schlicht und ergreifend um die Tiere.

Der Fleischverzicht ist aber im Kontext der Tiere nicht mein größtes Problem. Mein größtes Problem liegt eher in der Feststellung, auf was ich bislang alles nicht verzichte. Teilweise fällt es mehr oder weniger leicht, tierische Produkte zu ersetzen. So brauchen wir nicht wirklich Kleidung oder Schuhe aus tierischen Materialen, etwa aus Leder, weil wir genügend künstliche Materialien herstellen und verarbeiten können. Aber ein Verzicht auf alles Tierische in der Nahrung? Sicher, es macht den Kohl nicht fett, ob ich Kuhmilch für 50 Cent kaufe oder Sojamilch für einen Euro. Doch in wie vielen Produkten letztlich tierische Bestandteile enthalten sind, das ahnt man ja kaum, solange man sich mit dieser Frage nicht beschäftigt. Wer über viel Geld und Zeit und Wissen und über gewisse Fertigkeiten verfügt, kann auch unter Verzicht auf tierische Produkte genussvoll essen und trinken; wem nur eines davon fehlt, der hat es meiner Einschätzung nach (sehr) schwer.

Ich bin auch gar nicht überzeugt davon, dass es nötig ist, auf tierische Produkte ganz zu verzichten, wie es die Veganer tun. Wenn es so etwas wie Milch von glücklichen Kühen wirklich geben sollte, dann wüsste ich nicht recht, was an ihrem Genuss verwerflich wäre. Ein Hühnerei würde ich nicht etwa allein deswegen verschmähen, weil es sich um ein tierisches Produkt handelt; nein, mein Problem liegt in der Hühnerhaltung, von der sich mancher gar keine Vorstellung macht. Zwar kann man gegen geringen Aufpreis Eier aus Freilandhaltung erwerben, was mir nicht von vornherein unangebracht und unmoralisch scheint. Für Nahrungsmittel einer höheren Produktionsstufe aber, die Ei enthalten, werden die Hersteller wohl eher auf günstigere Eier zugreifen, und die stammen wohl kaum aus einer vorbildlichen Tierhaltung.

Stellen wir uns für einen Moment vor, alle Deutschen entschlössen sich, fortan vegetarisch oder sogar vegan zu leben. Dieser riesige Markt würde von Industrie und Handel sofort bedient werden. Das Angebot an Lebensmitteln würde (vermutlich) kleiner, aber es bliebe reichhaltig. Die Preise für tierfreundliche Lebensmittel würden drastisch fallen, während derzeit zumindest einige von diesen Lebensmitteln nur in Biosupermärkten und dort nur für viel Geld zu bekommen sind. Die Deutschen müssten nicht nur nicht verhungern, sondern sie könnten auch weiterhin genussvoll essen und trinken. Von so einem Deutschland, ausgerichtet auf Nahrung, die den Tieren nicht schadet, kann man wohl nur träumen.

Fürs erste wäre ich sogar schon mit weniger zufrieden, nämlich wenn es überhaupt ein reichhaltiges Angebot für Vegetarier und für Veganer gäbe, und wenn unsere Lebensmittel durch eine gesetzlich verbindliche Kennzeichnung, etwa in Form einer Ampel, leicht zu identifizieren wären: grün für vegan, gelb für vegetarisch, rot für fleischhaltige Produkte. Zumindest hätten es diejenigen, die von der Tierquälerei nicht profitieren möchten, dann leichter. Sehr gut vorstellen könnte ich mir auch die Einführung wirklich aussagekräftiger Gütesiegel, die, vielleicht auch dann, wenn sie tierische Produkte enthalten, ein Mindestmaß an Tierfreundlichkeit garantieren. Letztlich ist sogar Fleischverzehr vielleicht nicht per se schlecht. Mein ehemaliger Religionslehrer war Hühnerzüchter und fand, es seinen Tieren schuldig zu sein, sie im Alter zu schlachten und das Fleisch zu verwerten. Muss man nicht so sehen, kann man aber.

Mein Plan für die Zukunft lautet, mich weiter zu informieren, wie sich tierische Produkte ganz oder zumindest tierquälerische Produkte durch tierfreundlichere ersetzen lassen, und, so es mir möglich erscheint, davon Gebrauch zu machen. Des Weiteren werde ich vermutlich seeeeehr vorsichtig missionieren, also eigene Erkenntnisse weiterreichen und Aufklärung betreiben. Ich denke, dass das Abendland mit Aufklärung gute Erfahrungen gesammelt hat, wenn ich mir diesen Hinweis auf das gleichnamige Zeitalter erlauben darf. Sein Umfeld vor dem Hintergrund vermeintlicher eigener Überlegenheit zu verurteilen, wie es Lisa Simpson getan hat, mag falsch sein; Aufklärungsarbeit aber ist gut und richtig. Nicht nur, aber auch im Sinne des Tierschutzes. Peta leistet hier bei aller Streitbarkeit wichtige Dienste und wird darum in diesem Blog ab sofort verlinkt.

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