Die internationale Tierschutzorganisation Peta kämpft recht forsch für die Rechte unserer animalischen Mitgeschöpfe und scheut auch drastische Darstellungen nicht. Aufsehen erregte Peta etwa durch die bildlichen Vergleiche von Tieren in moderner Massenhaltung mit KZ-Häftlingen. Die Empörung war groß: Das eine könne mit dem anderen nicht verglichen werden, so die Kritik. Wer beides auf eine Stufe stelle, verharmlose die KZs.
Richtig, so sollte man meinen, und so dachte auch ich. Und doch ertappte ich mich bei einem ketzerischen Gedanken, dem ich mich bis heute nicht ganz erwehren kann: Vielleicht verharmlost Peta nicht die KZs, sondern vielleicht verharmlosen Petas Kritiker die Massentierhaltung. Es ist kaum zu leugnen, dass mit zahlreichen Tieren heute nicht besser umgegangen wird als seinerzeit mit zahlreichen Menschen: Man sperrt sie auf engstem Raum ein, man nimmt medizinische Experimente an ihnen vor, man tötet sie usw., kurz: Man behandelt sie wie Sachen und degradiert sie zu bloßen Objekten. Wenn Petas Vergleich also unangebracht ist, dann nicht etwa, weil man Tiere tatsächlich doch besser behandelt, sondern ausschließlich, weil es einen moralischen Unterschied macht, ob man Menschen oder Tiere so behandelt. Peta sagt nicht und meint auch nicht, man könne Menschen ruhig in KZs verschleppen, sondern Peta sagt und meint das Gegenteil: Man solle kein Lebewesen so behandeln, Menschen nicht, aber Tiere eben auch nicht.
Die Höherwertigkeit des Menschen wird als Dogma (fast) allgemein anerkannt, lässt sich aber ethisch nicht ganz leicht begründen. Ich selbst verschließe mich ihrer Möglichkeit zwar nicht, wüsste aber auch nur wenig für sie anzuführen, so dass ich sie eher als eine Art ethisches Axiom begreife. Für die Frage nach dem rechten Umgang mit Tieren kann die Höherwertigkeit des Menschen aber sowieso dahinstehen; denn wenn der Mensch über dem Tier steht und seinen Interessen der Vorrang einzuräumen ist, lautet der Umkehrschluss ja nicht, dass das Tier beliebig behandelt werden darf.
Wo ich Grenzen gezogen wissen möchte, weiß ich selbst nicht so recht. Tierversuche werden vielleicht großteils, aber vielleicht nicht gänzlich unverzichtbar sein. Was ist, wenn man ihrer wirklich bedarf, um Medikamente zu entwickeln, die Menschenleben retten? Was würde ich bestimmen, wenn ich entscheiden könnte, ob weiterhin soundso viele Menschen einen qualvollen Tod finden oder statt ihrer soundso viele Tiere? Ich weiß es nicht, und ich danke Gott dafür, dass er mir die Last einer solchen Entscheidung nicht auferlegt.
Es gibt noch etwas, das ich nicht so recht weiß, nämlich was ich meinen Mitmenschen abverlangen kann. In einer Folge der Simpsons entwickelt sich Lisa zur Vegetarierin und verlangt dasselbe dann von ihrem Umfeld. Die Botschaft dieser Simpsons-Folge lautet, dass man Toleranz üben müsse, dass also Lisa sich für den Vegetarismus entscheiden dürfe, dass sie anderen aber zubilligen müsse, weiterhin Fleisch zu konsumieren. Mein Gefühl bei dieser Moral ist exakt dasselbe wie das bei einer Szene aus der Serie Fackeln im Sturm: Einige Jahre vor Ausbruch des Sezessionskrieges besucht der US-Nordstaatler George Hazard seinen Freund Orry Main in den Südstaaten, wo er die Sklaverei aus nächster Nähe erlebt und ausdrücklich kritisiert. Orry erwidert, dass George, wolle er die Freundschaft erhalten, die Art, wie man im Süden von jeher lebe, respektieren müsse. Im Sinne der Freundschaft mag dies zutreffen, aber der mitschwingende Gedanke einer Form von Toleranz ist verfehlt. Die Toleranz des Südstaatlers gegenüber seinem Sklaven geht nämlich nicht einmal so weit, dass er diesem auch nur die grundsätzlichsten Freiheiten gewährt. Toleranz gegenüber der Intoleranz aber ist paradox. Intoleranz zu tolerieren, mehrt die eigene Toleranz nicht, sondern nimmt einen Abzug an ihr vor.
Würden Tierrechtler ihre Zeit ausschließlich damit verbringen, andere Menschen zu verurteilen, zu beschimpfen oder sogar mit Gewaltandrohung oder -anwendung zu bekehren zu versuchen, so würden sie zwar das friedliche und gedeihliche Zusammenleben der Menschen stören, aber für die Tiere wohl kaum bedeutende Siege erringen. Schon darum stellt sich die Frage, was ich meinen Mitmenschen abverlangen kann, nur theoretisch. Aber auch die Theorie (als Grundlage der Praxis) ist ja durchaus wichtig, weswegen eine Einführung in die Tierphilosophie auf meiner Wunschliste bei Amazon steht.
Von der Nutzlosigkeit allzu aggressiver Bekehrung abgesehen, denke ich auch, dass jeder erst einmal vor der eigenen Türe kehren sollte. Nachdem ich über Jahre immer wieder eine vegetarische Ernährung erwogen habe, konnte ich diesen Schritt nun endlich vollziehen. Erst habe ich meinen Fleischkonsum reduziert, dann habe ich ihn auf null gefahren, und erst dann habe ich den offiziellen Entschluss gefasst, bei diesem Verzicht nach Möglichkeit zu bleiben. Dabei habe ich mir aber kein wirkliches Verbot auferlegt. Würde ich den Vegetarismus nicht durchhalten, so könnte mir niemand ein Scheitern vorwerfen; ich verbiete mir nicht, Fleisch zu essen, sondern ich esse nur kein Fleisch. Zugegeben fällt mir das schwer. Wie verflixt fleischlastig unsere Ernährung ist, war mir bislang gar nicht so klar, und dass ich Fleisch liebe, wusste ich zwar vorher, doch macht es das auch nicht unbedingt leichter. Mein Vegetarismus hat jedenfalls keine gesundheitlichen Gründe, und er beruht auch nur in zweiter Linie auf dem Gedanken an den Welthunger (zu dem ein hoher Fleischkonsum nach umstrittener Auffassung im Zusammenhang steht); es geht mir primär schlicht und ergreifend um die Tiere.
Der Fleischverzicht ist aber im Kontext der Tiere nicht mein größtes Problem. Mein größtes Problem liegt eher in der Feststellung, auf was ich bislang alles nicht verzichte. Teilweise fällt es mehr oder weniger leicht, tierische Produkte zu ersetzen. So brauchen wir nicht wirklich Kleidung oder Schuhe aus tierischen Materialen, etwa aus Leder, weil wir genügend künstliche Materialien herstellen und verarbeiten können. Aber ein Verzicht auf alles Tierische in der Nahrung? Sicher, es macht den Kohl nicht fett, ob ich Kuhmilch für 50 Cent kaufe oder Sojamilch für einen Euro. Doch in wie vielen Produkten letztlich tierische Bestandteile enthalten sind, das ahnt man ja kaum, solange man sich mit dieser Frage nicht beschäftigt. Wer über viel Geld und Zeit und Wissen und über gewisse Fertigkeiten verfügt, kann auch unter Verzicht auf tierische Produkte genussvoll essen und trinken; wem nur eines davon fehlt, der hat es meiner Einschätzung nach (sehr) schwer.
Ich bin auch gar nicht überzeugt davon, dass es nötig ist, auf tierische Produkte ganz zu verzichten, wie es die Veganer tun. Wenn es so etwas wie Milch von glücklichen Kühen wirklich geben sollte, dann wüsste ich nicht recht, was an ihrem Genuss verwerflich wäre. Ein Hühnerei würde ich nicht etwa allein deswegen verschmähen, weil es sich um ein tierisches Produkt handelt; nein, mein Problem liegt in der Hühnerhaltung, von der sich mancher gar keine Vorstellung macht. Zwar kann man gegen geringen Aufpreis Eier aus Freilandhaltung erwerben, was mir nicht von vornherein unangebracht und unmoralisch scheint. Für Nahrungsmittel einer höheren Produktionsstufe aber, die Ei enthalten, werden die Hersteller wohl eher auf günstigere Eier zugreifen, und die stammen wohl kaum aus einer vorbildlichen Tierhaltung.
Stellen wir uns für einen Moment vor, alle Deutschen entschlössen sich, fortan vegetarisch oder sogar vegan zu leben. Dieser riesige Markt würde von Industrie und Handel sofort bedient werden. Das Angebot an Lebensmitteln würde (vermutlich) kleiner, aber es bliebe reichhaltig. Die Preise für tierfreundliche Lebensmittel würden drastisch fallen, während derzeit zumindest einige von diesen Lebensmitteln nur in Biosupermärkten und dort nur für viel Geld zu bekommen sind. Die Deutschen müssten nicht nur nicht verhungern, sondern sie könnten auch weiterhin genussvoll essen und trinken. Von so einem Deutschland, ausgerichtet auf Nahrung, die den Tieren nicht schadet, kann man wohl nur träumen.
Fürs erste wäre ich sogar schon mit weniger zufrieden, nämlich wenn es überhaupt ein reichhaltiges Angebot für Vegetarier und für Veganer gäbe, und wenn unsere Lebensmittel durch eine gesetzlich verbindliche Kennzeichnung, etwa in Form einer Ampel, leicht zu identifizieren wären: grün für vegan, gelb für vegetarisch, rot für fleischhaltige Produkte. Zumindest hätten es diejenigen, die von der Tierquälerei nicht profitieren möchten, dann leichter. Sehr gut vorstellen könnte ich mir auch die Einführung wirklich aussagekräftiger Gütesiegel, die, vielleicht auch dann, wenn sie tierische Produkte enthalten, ein Mindestmaß an Tierfreundlichkeit garantieren. Letztlich ist sogar Fleischverzehr vielleicht nicht per se schlecht. Mein ehemaliger Religionslehrer war Hühnerzüchter und fand, es seinen Tieren schuldig zu sein, sie im Alter zu schlachten und das Fleisch zu verwerten. Muss man nicht so sehen, kann man aber.
Mein Plan für die Zukunft lautet, mich weiter zu informieren, wie sich tierische Produkte ganz oder zumindest tierquälerische Produkte durch tierfreundlichere ersetzen lassen, und, so es mir möglich erscheint, davon Gebrauch zu machen. Des Weiteren werde ich vermutlich seeeeehr vorsichtig missionieren, also eigene Erkenntnisse weiterreichen und Aufklärung betreiben. Ich denke, dass das Abendland mit Aufklärung gute Erfahrungen gesammelt hat, wenn ich mir diesen Hinweis auf das gleichnamige Zeitalter erlauben darf. Sein Umfeld vor dem Hintergrund vermeintlicher eigener Überlegenheit zu verurteilen, wie es Lisa Simpson getan hat, mag falsch sein; Aufklärungsarbeit aber ist gut und richtig. Nicht nur, aber auch im Sinne des Tierschutzes. Peta leistet hier bei aller Streitbarkeit wichtige Dienste und wird darum in diesem Blog ab sofort verlinkt.