Der katholische Journalist und Publizist Matthias Matussek äußert sich hin und wieder öffentlich zu Fragen des Glaubens im Allgemeinen und der Kirche im Besonderen. Er nimmt dabei eine teils eher konservative Haltung ein, etwa indem er den Zölibat befürwortet, beweist aber auch eine kritische Distanz, etwa wenn er dem Essener Bischof Franz-Josef Overbeck widerspricht, als dieser Homosexualität eine Sünde nennt. Nun hat Matussek ein neues Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel „Das katholische Abenteuer. Eine Provokation.“ und ist wohl mehr ein persönlicher Bericht denn eine theologische Abhandlung. Matussek schreibt in diesem Buch:
Ich bin so leidenschaftlich katholisch, wie ich vor vierzig Jahren Marxist war. Warum? Weil mein Verein angegriffen wird.
Das kann ich gut verstehen. Selbst ich, der ich nicht katholisch bin, habe schon öfter mehr oder minder leidenschaftlich für die Römisch-katholische Kirche Partei ergriffen. Insbesondere nehme ich den Papst und seine Leute gegen Angriffe in Schutz, die ich für sachlich falsch halte, etwa den an Geschichtsklitterung grenzenden Vorwurf, die katholische Kirche sei schuld an den Hexenverfolgungen des Mittelalters (die in Wahrheit freilich vor allem ein neuzeitliches und weniger ein mittelalterliches Phänomen waren). Einmal abgesehen davon, dass es sich gerade um eine gesamtgesellschaftliche Erscheinung handelte, der alle verfallen sind: nicht nur Klerus, sondern auch Adel, Gelehrte, Bürger und Bauern, waren es gerade Reformatoren wie Luther und Calvin, die sich für die Verfolgung sog. Hexen einsetzten, weswegen der Wahn in den protestantischen Gegenden auch schlimmer wütete als dort, wo die katholische Kirche dominierte. Die katholische Kirche hat den Glauben an Hexen sogar lange Zeit als Aberglaube bekämpft.
Da ich Matusseks Buch nicht gelesen habe und den Kontext des obigen Zitats nicht kenne, kann ich nur mutmaßen, welchen Angriff der Autor meint. Nahe liegt der Gedanke, dass er an das anknüpft, was man Missbrauch mit dem Missbrauch nennen könnte: die teils jedes Maß vermissen lassende Kritik an dem fürwahr kritikwürdigen Umgang der Katholischen Kirche mit Fällen sexuellen Missbrauchs. Vielleicht spielt Matussek aber auch auf die Bewegung der sog. Neuen Atheisten an, die nicht nur nicht an Gott glauben (eine Frage der Erkenntnis), sondern Religion auch mehr oder weniger pauschal verteufeln und für allerlei Not und Elend verantwortlich machen (eine Frage der Moral). Ob nun die Kreuzzüge des Mittelalters oder der islamistische Terror unserer Tage: Die Religionen, so meinen die Neuen Atheisten, sind dafür eine conditio sine qua non, welche überwunden und durch ein wahrlich humanistisches Weltbild ersetzt werden müssen.
Ob man dieser Religionskritik so pauschal zustimmen kann, erscheint zweifelhaft. Die Wahrheit ist wohl wie so oft deutlich komplexer. Die Reaktionen aus dem theistischen und speziell auch dem christlichen Lager fallen indes nicht differenzierter aus. Die Retourkutsche ist billig: Gerade Atheisten seien doch für die bislang größten Katastrophen und Verbrechen verantwortlich. Als vermeintliches Paradebeispiel müssen dann regelmäßig das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg herhalten. Auch Matussek folgert aus der Erkenntnis, wie ungerecht pauschalierte Verurteilungen sind, nicht etwa, dass man diese zu unterlassen habe; nein, er greift sie vielmehr als Waffe auf, die er nun seinerseits auf die Atheisten richtet. Sein Buch wird im Internet mit den Worten zitiert, Atheisten müssten
mit düsteren Bündnispartnern rechnen.
Und Matussek spricht ausdrücklich von der
atheistischen Spitzenkraft Adolf Hitler.
So ist das also: Die Katholiken müssen sich die Kreuzzüge nicht kollektiv zurechnen lassen, aber die Atheisten haben den Zweiten Weltkrieg kollektiv verschuldet. Was ist abseits dieser Doppelmoral zu den
düsteren
Atheisten zu sagen, welche so viel mehr Elend verursacht haben, als die Religionen es je vermochten?
Zunächst einmal haben Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg nicht auf Grund ihrer atheistischen Prägung so viel mehr Menschenleben gefordert als alles vorher Dagewesene, sondern weil es in den 1930er- und 1940er-Jahren mehr Menschen gab als je zuvor, und weil es zudem einfacher als je zuvor war, diese Menschen in Massen zu töten. Der unter anderem religiös motivierte Dreißigjährige Krieg hat in einigen Gegenden Süddeutschlands bis zu zwei Dritteln der Bevölkerung das Leben gekostet. Es gab seinerzeit nur eben deutlich weniger Menschen und darum absolut betrachtet auch weniger Opfer.
Hinzu kommt, dass die Neuen Atheisten den Religionen ja gerade vorwerfen, Verbrechen zu verantworten, die im Namen des Glaubens verübt werden. Sie meinen, dass diese Verbrechen ohne den Glauben nicht verübt würden. Es hat jedoch niemals ein Atheist im Namen des Atheismus einen Krieg geführt. Die Kausalkette, die beim Theismus fraglich erscheinen mag, ist beim Atheismus von vornherein ausgeschlossen.
Vor allem aber war der Nationalsozialismus mitnichten eine atheistische Bewegung, und der angebliche Atheist Adolf Hitler war Zeit seines Lebens katholisch. In „Mein Kampf“ lässt er an seinem Gottesglauben keinen Zweifel. So heißt es etwa in der 855. Auflage auf Seite 630 zum Thema „Konfessionelle Zwietracht“:
Gerade der völkisch Eingestellte hätte die heiligste Verpflichtung, jeder in seiner eigenen Konfession dafür zu sorgen, daß man nicht nur immer äußerlich von Gottes Willen redet, sondern auch tatsächlich Gottes Willen erfülle und Gottes Werk nicht schänden lasse. Denn Gottes Wille gab den Menschen einst ihre Gestalt, ihr Wesen und ihre Fähigkeiten. Wer sein Werk zerstört, sagt damit der Schöpfung des Herrn, dem göttlichen Wollen, den Kampf an.
Auf Seite 70 schreibt Hitler gar:
So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.
(Das Wort „indem“ wird im Original gesperrt geschrieben.)
Ich will keineswegs behaupten, dass Hitler, wäre er Atheist gewesen, wesentlich anders gedacht oder gehandelt haben würde, als er es getan hat. Ich sage also nicht, Hitlers Glaube seine eine conditio sine qua non für sein Tun. Ihn aber in das atheistische Lager zu schieben, ist falsch.
Abgesehen davon haben die Kirchen, vor allem die evangelischen Kirchen in Deutschland, den Nationalsozialismus enthusiastisch begrüßt und ohne zu zögern hofiert. Gewiss, evangelische Theologen wie Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer und sicher viele andere christliche Theologen und Laien haben, teils unter Einsatz oder, wie Bonhoeffer, sogar Verlust ihres Lebens, gegen den Nationalsozialismus gekämpft. Diese Tatsache wiegt aber nicht auf, dass ein beachtlicher Teil der Katholiken und Protestanten, etwa jene, die sich „Die Deutschen Christen“ oder auch „SA Jesus Christi“ nannten, glühende Verfechter des Nationalsozialismus waren. Das macht das Dritte Reich zu keiner christlichen Angelegenheit. Aber eben ganz sicher auch zu keiner atheistischen.