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Archiv für die Kategorie ‘Weltanschauung’

Was gesagt werden muss

2012/04/09 5 Kommentare

Die Causa Günter Grass möchte ich zum Anlass nehmen, mich zum Themenkomplex Nahostkonflikt und Antisemitismus zu äußern:

1. Es muss erlaubt sein, den Staat Israel zu kritisieren, und es ist auch erlaubt. Die israelische Politik wird nirgendwo kontroverser diskutiert als in Israel selbst. Auch in Deutschland ist Israel-Kritik kein Tabu. Unzählige Beispiele beweisen, dass die meisten der selbst ernannten Tabubrecher ein Recht auf Meinungsäußerung in Anspruch nehmen, das ihnen niemand streitig machen will. Die Bundesregierung etwa bezieht klar Stellung gegen Israels Pläne, den Iran anzugreifen, und niemand wirft ihr Antisemitismus vor.

2. Ein Großteil dessen, was der äußeren Form nach Israel-Kritik sein soll, ist in Wahrheit nichts anderes als kaschierter Antisemitismus. Dieser Verdacht liegt insbesondere dann nahe, wenn sich jemand einen feuchten Kehricht für die zahlreichen Kriege und Menschenrechtsverletzungen auf der Welt interessiert, aber beim Thema Nahostkonflikt zum leidenschaftlichen Kämpfer gegen das zionistische Unrecht aufschwingen will.

3. Nicht jede Israel-Kritik ist antisemitisch motiviert. Im Einzelfall hat die Unschuldsvermutung zu gelten. Wer den Vorwurf des Antisemitismus nicht beweisen kann, sollte ihn auch nicht erheben. Im Fall von Günter Grass sehe ich einen solchen Beweis in keiner Weise geführt.

4. Deutschland sollte sich bei den Themen Israel und Judentum locker machen. Viele Juden teilen diese Meinung, sowohl in Deutschland als auch in Israel als sicher auch in anderen Ländern. So wirbt etwa der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland Avi Primor in einem Buch für ein weniger verkrampftes Verhältnis zwischen Deutschland und dem Judentum.

5. Günter Grass‘ „Gedicht“ ist weder ein lyrisches Meisterwerk, noch führt es irgendwelche neuen Gedanken oder Aspekte ins Feld. Es ist allgemein bekannt, dass Israel mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit über Atomwaffen verfügt. Das von Grass behauptete

allgemeine Verschweigen

gibt es schlichtweg nicht. Oder woher hat unser Nobelpreisträger sein Wissen? Jedenfalls mir war nur eines neu, was Grass geschrieben hat, nämlich dass wir demnächst ein U-Boot nach Israel liefern werden. Das kann man genauso schlimm finden wie jede andere Waffenlieferung ins Ausland auch. Der Tod ist wahrlich ein Meister aus Deutschland, denn bei den Rüstungsexporten spielen wir in der ersten Liga. Indem Grass allerdings zwischen den Zeilen suggeriert, Israel wolle

allesvernichtende

Atombomben dorthin lenken,

wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,

manipuliert er seine Leser: Die Behauptung, Israel plane, den Iran auszulöschen, ist nicht mehr bewiesen, als dass der Iran nach Nuklearwaffen strebt. Israel spricht öffentlich von einem Angriff auf iranische Anlagen zur Herstellung von Atomwaffen, nicht von einem Angriff mit Atomwaffen. Ich sehe keinen Grund für die Annahme, Israel wolle den Iran vernichten. Unbewiesen ist diese (von Grass allerdings auch nicht expressis verbis aufgestellte) Behauptung allemal.

6. Selbst wenn Israel der böseste Okkupator der Welt wäre, ein völker- und menschenrechtswidrig handelnder Verbrecherstaat der übelsten Sorte, müssten der Iran und andere Gegner Israels nicht zwingend harmlos sein. Derzeit wird vielfach davon gesprochen, dass der iranische Staatspräsident Ahmadinedschad entgegen sich hartnäckig haltender Gerüchte nie gefordert habe, Israel von der Landkarte zu löschen (das schon lange bekannte Problem einer Zitat-Übersetzung). Daran erschöpft sich die Beurteilung dann vielfach. Als würde sich Ali Chamene’i, das iranische Staatsoberhaut, nie ähnlich geäußert haben; als habe Ahmadinedschad seinen bedrohlichen Israel-Hass anders nie ausgedrückt; als würde es die absurde Holocaust-Konferenz im Iran im Jahre 2006 nicht gegeben haben.

7. Es ist falsch und schlecht, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Weder Israel noch der Iran noch Deutschland noch irgendein anderes Land in dieser Welt oder irgendein Mensch in derselben ist einfach nur gut oder einfach nur böse. Im Nahostkonflikt verbietet sich eine derart simplifizierende Betrachtungsweise allemal. Sie ist nicht nur ungerecht, sondern bringt auch keinerlei Erkenntnisgewinn und trägt zur Lösung der Konflikte nichts bei.

8. Jedermann hat alles Recht, gegen die israelische Siedlungspolitik, gegen einen israelischen Angriff auf den Iran und gegen allerlei sonst zu protestieren, was mit Israel und dem Nahostkonflikt zusammenhängt. Grundlage dieses Protestes sollte aber eine von Sachkenntnis getragene und differenzierte und faire Betrachtung sein. Die gibt es meiner Meinung nach viel zu selten.

Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.

2012/03/05 1 Kommentar

Schon meine Grundschul-Zeugnisse bescheinigen mir ein besonderes Interesse für Religion. So sehr bin ich im Religions-Unterricht mit meinen Beiträgen aufgefallen, dass der Lehrer es im Zeugnis vermerkte. Später als Jugendlicher hätte ich mir glatt vorstellen können, Theologie zu studieren. Doch ich habe mich für die Rechtswissenschaft entschieden und bleibe darum auf ewig ein theologischer Laie.

Als solcher steht es mir nicht zu, andere in theologischen Fragen zu unterweisen. Und doch gibt es da etwas, das ich so furchtbar spannend und ergreifend finde, dass ich darüber schreiben möchte. Ich vertraue meiner Quelle sehr und meine darum, das Folgende als gesichert behaupten zu dürfen (lasse mich aber auch gern korrigieren):

Bei Lukas steht über Tod und Kreuzigung Jesu geschrieben:

Es wurden aber auch hingeführt zwei andere, Übeltäter, daß sie mit ihm abgetan würden.

Und als sie kamen an die Stätte […] kreuzigten sie ihn daselbst und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen sie wissen nicht, was sie tun! [...]

Und das Volk stand und sah zu. Und die Obersten samt ihnen spotteten sein und sprachen: Er hat anderen geholfen; er helfe sich selber, ist er Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Kriegsknechte, traten zu ihm und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so helf dir selber! [...]

Aber der Übeltäter einer, die da gehenkt waren, lästerte ihn und sprach: Bist du Christus, so hilf dir selber und uns! Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Und wir zwar sind billig darin, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeschicktes getan. Und er sprach zu Jesu: HERR, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.

Die Hervorhebungen markieren meine persönlichen Lieblingsstellen. Der zweite Satz aber scheint problematisch. Denn wer gekreuzigt wird, stirbt, und vor dem Eintritt in das Himmelreich steht das Jüngste Gericht, das selbst heute, 2.000 Jahre später, auf sich warten lässt. Mag man bei Jesus über solche Inkompatibilitäten hinwegsehen, fragt sich schon, wieso auch der Gekreuzigte, den Jesus tröstet, noch/schon

heute

im Paradies sein wird. Das Neue Testament gibt darauf keine Antwort. Es ist ohne Hintergrundwissen schlicht und ergreifend nicht zu verstehen.

Lukas schreibt vor dem Hintergrund der seinerzeit üblichen Anschauung vom Tod und setzt diese beim Leser als bekannt voraus. Ich persönlich vermute, dass er eine Botschaft transportieren möchte: Magst du auch ein Sünder sein, noch am Ende deines irdischen Lebens kannst du dich für Gott entscheiden, und er wird dich annehmen. Das ist ja auch in etwa das, was insbesondere die katholische Kirche bis heute lehrt. Es ist hingegen nicht Lukas’ Anliegen, der Nachwelt die Totenreichvorstellungen seiner Zeit zu erklären. Vermutlich ahnt er gar nicht, wie man ihn einst missverstehen wird.

Wie kommt also nun der Mitgefolterte direkt ins Paradies, so ganz ohne vorheriges Endgericht, das die Menschen scheidet in die, die da gerecht sind (vor Gott), und die, die verdammt werden? Nach damaliger jüdischer Mythologie halten sich die Toten, während sie auf das Gericht warten, in der Scheol (שאול; griechisch: ᾍδης, Hades) auf. Diese unterteilt sich in das Paradies (παράδεισος, paradeisos) und das Gefängnis (φυλακη, phylake). Im Paradies ist alles prima, das Gefängnis ist ein Ort der Qualen. Eine Vorverurteilung also und, ganz wichtig, nur der vorübergehende Aufenthaltsort der Toten.

Der Fehler liegt darin, das Paradies, von dem Jesus spricht, mit dem Himmel zu identifizieren. Eine solche Gleichsetzung hat Lukas nicht im Sinn, als er Jesus dem Mitgekreuzigten das Paradies versprechen lässt.

Die Maya und der Weltuntergang

Am 21.12.2012 geht die Welt unter. Sagen die Maya. Behaupten einige Leute. Stimmt aber nicht. Also: Dass die Welt untergeht, stimmt nicht, und dass die Maya das sagen, stimmt auch nicht.

Die Maya sind indianische Völker, die vor etwa 4.000 Jahren begannen, eine Hochkultur zu erschaffen. Ihre Blütezeit hatten sie vor rund 1.700 bis 1.100 Jahren. Für verschiedene Zwecke führen sie drei Kalender, welche sie teilweise auch miteinander kombinieren. Einer dieser Kalender ist die sog. Lange Zählung. Diese dient der Aufzeichnung sowohl geschichtlicher als auch astronomischer Ereignisse. Das Kalendersystem der Langen Zählung unterscheidet sich erheblich von unserem Gregorianischen Kalender. Gleichwohl lässt sich jedes Datum mit einem Datum unseres Systems „übersetzen“. In dieser Übersetzung ist der 21.12.2012 der letzte Tag. Die Lange Zählung endet.

Nicht ganz! Genau hier liegt nämlich der Denkfehler. Ja, der 21.12.2012 ist der letzte Tag der Langen Zählung. Aber nein, das heißt nicht, dass die Zählung hier endet. Sie beginnt vielmehr von vorn. Das befremdet nur, wenn man von einem linearen Zeitablauf ausgeht, was aber nicht die einzige und auch keineswegs die älteste menschliche Auffassung von Zeit ist. Die Maya jedenfalls denken zyklisch. Am 21.12.2012 endet ein Abschnitt, der erste sogar, aber eben nicht der letzte. In einer Monopoly-Welt würde man sagen: Rücken Sie vor bis auf Los!

„God hates fags, God hates America.“

2011/12/02 3 Kommentare

Zu den häufigsten Vorwürfen, welche die traditionell eher kirchenkritischen Deutschen gegen den Papst erheben, gehört dessen Einstellung zur Homosexualität. Ich selbst trete diesen Vorwürfen ausdrücklich nicht bei. Wenn der Pontifex homosexuelle Handlungen (nicht Neigungen!) für eine Sünde hält, dann ist es sein Job, das so zu kommunizieren. Dabei kann er sich immerhin auf die Bibel berufen, die für ihn bekanntlich Gottes Wort enthält. Die Katholische Kirche strebt ja auch keineswegs die Ausgrenzung oder Bestrafung von Homosexuellen an, sondern verlangt vielmehr, denselben

mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen.

Schwule und Lesben mögen das diskriminierend finden, es ist aber zu meiner Überzeugung nicht diskriminierend gemeint. Es wäre, ganz im Gegenteil, Ausdruck verächtlicher Gleichgültigkeit, wenn der Papst vor dem, was er für Sünde hält, nicht warnen würde.

Ich respektiere es, wenn jemand aus theologischen Gründen Homosexualität ablehnt. Ich respektiere es auch, wenn jemand aus theologischen Gründen Homosexualität billigt. Und schließlich respektiere ich es, wenn jemand von allem, dessen Bezeichnung mit „Theo-“ beginnt, nichts hält und schon deshalb keinen Konflikt zwischen Religion und homosexueller Orientierung haben kann. Was zu respektieren mir allerdings schwer fällt, ist, wenn jemand nur deshalb den „Segen“ für homosexuelle Handlungen beansprucht, weil er allein solche Regeln akzeptiert, die ihm persönlich in den Kram passen.

Nun gibt es frömmelnde Christen, die von dem christlichen Motto „Hasse die Sünde, aber liebe den Sünder!“ nicht viel halten. Oh ja, es gibt sie, und sie heißen Legion, denn sie sind viele (SCNR). Manchmal sind die Vertreter dieser Spezies ekelhaft selbstgerecht und meinen, im Besitz aller Erkenntnis und höchster Moral zu sein. Wenn sich zu dieser Einstellung dann noch ein verquere Art zu denken gesellt, dann weiß man oft gar nicht, ob man lachen oder weinen soll.

Die Westboro Baptist Church ist hierfür ein Beispiel par excellence. Diese baptistische Glaubensgemeinschaft, die ihr Unwesen irgendwo in den Weiten der USA treibt, ist für folgende Gedankenkette berüchtigt:

  • Gott hasst „Schwuchteln“ („fags“).
  • Die USA tolerieren „Schwuchteln“ und fördern deren Lebensweise.
  • Darum hasst Gott die USA im Ganzen.
  • Der 11. September und die desaströsen Kriegseinsätze etwa in Afghanistan sind eine unmittelbare Strafe des Himmels für jene, die sich Gott mit allzu viel Toleranz gegenüber Homosexualität zum Feind gemacht haben: die USA eben.
  • Jeder Tod eines US-Soldaten ist mithin Grund zum Jubel.

Diese Auffassung behalten die Mitglieder der Westboro Baptist Church keineswegs für sich. Sie reisen viele Kilometer, um ihre Botschaften unter das Volk zu bringen oder, wie sie es nennen, das Evangelium zu predigen. Besonders gern reisen sie zu Beerdigungen gefallener US-Soldaten, um dort ihre nicht sonderlich tiefgründigen Ansichten kundzutun. Weniger Pietät ist kaum vorstellbar.

Bislang habe ich über die Westboro Baptist Church nur gelesen. Heute jedoch habe ich mir auf YouTube eine Dokumentation angesehen, in der die selbsternannten Lieblinge Gottes persönlich und in Aktion gezeigt werden. Was, wenn es nur durch Worte beschrieben wird, schon eigenartig anmutet, das ist, wenn man es in farbigen, bewegten Bildern sieht, wirklich, wirklich strange.

Buddhismus

2011/09/25 9 Kommentare

„Denn sie wissen nicht, was sie glauben“ ist der geniale Titel eines Buches, das die eklatanten Gegensätze zwischen biblischen Texten und christlicher Theologie auf der einen und den volkstümlichen Vorstellungen über Bibel und Christentum auf der anderen Seite behandelt. Ich habe das Buch nicht gelesen, und ich habe aus verschiedenen Gründen auch nicht vor, das zu ändern. Der Titel aber drückt genau das aus, wovon auch ich überzeugt bin: Die meisten Menschen, sogar sehr viele Christen, wissen über die quantitativ wichtigste Religion der westlichen Welt kaum Bescheid.

Noch eine Stufe krasser sind die Missverständnisse zwischen westlicher Welt und Buddhismus (bei dem es sich nebenbei bemerkt um eine atheistische Religion handelt). Das liegt zum einen daran, dass der Buddhismus im Abendland kein großes Thema und anders als das Christentum nicht allgegenwärtig ist. Zum anderen liegt es daran, dass Menschen des Okzidents dazu neigen, das, was sie über den Buddhismus lesen oder erzählt bekommen, in typisch abendländische Kategorien einzuordnen. Ich nehme mich da keineswegs aus. Mit den geläufigen Begriffen westlicher Philosophie und Theologie ist der Buddhismus aber nicht zu verstehen. Zu verschieden sind die metaphysischen Grundannahmen. So kommt es, dass der Buddhismus häufig missverstanden wird und in der westlichen Wahrnehmung auf ein esoterisches Das-Leben-ist-schön-Niveau herabrutscht.

Ein ganz typisches Missverständnis liegt etwa im Thema Wiedergeburt. Menschen des Okzidents verstehen darunter eine Seelenwanderung: Beim Tod eines Menschen entfernt sich die Seele aus dem Körper, um in einen neuen Körper einzuziehen. Dieselbe Person wohnt nun also in einem anderen Körper. Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was der Buddhismus lehrt. Denn die Existenz einer individuellen Seele mit einem unveränderlichen Wesenskern wird vom Buddhismus gerade bestritten. Was aber nicht existiert, das kann auch nicht vom einen Ort zum anderen ziehen. Nix ist mit Metempsychose.

Zugegeben, es gibt einige buddhistische Tibeter, die an eine Art Reinkarnation glauben. Erklären kann ich das nicht, denn auch ich verstehe nichts vom Buddhismus. Zu fest hält mich westliches Denken noch im Würgegriff. Eines aber steht für mich fest: Der Buddhismus ist ganz anders als das, was viele darunter verstehen, und er ist weit mehr als esoterischer Blödsinn. Über das Internet habe ich einen ordinierten buddhistischen Priester kennengelernt, der mich davon überzeugt hat, dass es sich um eine sehr ernst zu nehmende Denktradition handelt. Sie ist intellektuell anspruchsvoll und uns Westlern nur schwer zugänglich, aber dadurch vielleicht nur umso interessanter.

Der Priester führt ein Weblog, und dieses Weblog verlinke ich hier ab sofort. Denn wenn mich jemand fragen würde, wohin er sich wenden solle, um etwas über den Buddhismus zu lernen, dann fiele mir keine bessere Stelle ein als eben dieses Blog.

Die Internationale Buddhistische Flagge ist seit 60 Jahren ein internationales Symbol des Buddhismus.

Anthropologische Differenz?

2011/06/28 5 Kommentare

Für und gegen den Atheismus lassen sich jeweils gute wie schlechte Argumente ins Feld führen. Heute möchte ich von einem Argument gegen den Atheismus sprechen und zwar von einem schlechten. Es stammt von niemand Geringerem als Francis Bacon, den der Brockhaus zum Wegbereiter der Naturwissenschaften erklärt. Dieser überaus wichtige Philosoph des elisabethanischen Zeitalters wirft dem Atheismus vor, dem Menschen seine Verbindung mit einer höheren Natur abzusprechen, was diesen zum Tier degradiere.

Ich vertrete entschieden die Auffassung, dass man nicht vom Sollen auf das Sein schließen kann. Nun bin ich kein Bacon-Experte, und man wird mir vielleicht vorwerfen, ihm etwas in den Mund zu legen, was er so nicht gesagt und auch nicht gemeint hat. Doch es geht mir um etwas ganz anderes.

Rein biologisch lässt sich der Mensch in der Tat als Tier begreifen: ein höheres Säugetier aus der Ordnung der Primaten. Ein Trockennasenaffe, um etwas genauer zu sein. Um ihn gleichwohl zu erhöhen, sucht man nach der anthropologischen Differenz, das heißt dem großen Unterschied zwischen Mensch und Tier oder, wie ich finde, treffender formuliert: zwischen Mensch und anderen Tieren. Anthropologische Differenz bedeutet aber nicht einfach nur, dass es überhaupt einen Unterschied gibt; das versteht sich vielmehr ganz von selbst, zumal sich ja auch die nichtmenschlichen Tiere voneinander unterscheiden. Nein, gemeint ist ein Unterschied von solchem Ausmaß, dass er nicht mehr in das allgemeine Schema von verschiedenen Tieren mit verschiedenen Eigenschaften passt, ein Unterschied, der den Homo sapiens heraushebt und ihm einen qualitativen Unterschied zur Tierwelt zuweist, so dass der Mensch letztlich mehr ist als nur ein Tier.

Dieses Wörtchen „nur“ ist Anlass meiner Kritik. Ist ein Tier minderwertig? Ist es wirklich von niederer Natur? Was ist so schlecht daran, „nur“ ein Tier zu sein? Degradiert Atheismus die Menschen, oder degradiert Bacon die Tiere? Ist die Suche nach einer anthropologischen Differenz mehr als Ausdruck menschlicher Hybris, wobei ich dieses Wort nicht im Sinne der griechischen Tragödie als frevelhaften Übermut gegenüber den Göttern verstanden wissen möchte, sondern als Übermut gegenüber der Natur?

Gewiss, wenn Gott den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat, dann ist der Mensch etwas Besonderes. Doch nicht einmal der Frommste meint, dass die Erschaffung nach dem Ebenbild bedeutet, dass der Mensch wie Gott sei. Ich sehe weder mit noch ohne Schöpfergott ein Problem darin, Menschen als Tiere zu begreifen. Denn ich sehe in Tieren nichts Minderwertiges.

Aber wer weiß, vielleicht denken Tiere nicht besser von uns als wir von ihnen. Wie? Mein geschätzter Leser meint, dies sei unmöglich? Dann sollte er einmal Glennkill lesen, den Roman einer jungen deutschen Schriftstellerin, die diesen sog. Schafskrimi unter ihrem Pseudonym Leonie Swann veröffentlicht hat. In dieser Geschichte unternimmt es eine Schafsherde, den Mörder ihres Schäfers zu ermitteln. Nebenbei wird der Leser in das Weltbild der Schafe eingeführt, unter anderem als ein Schaf einem anderen Schaf erläutert, worin es sich vom Menschen unterschieden sieht: Menschen haben keine Seele.

Judgment Day

2011/05/20 1 Kommentar

Am 21. Mai im Jahre des Herrn 2011, also morgen, ist es einmal wieder so weit: Die Welt geht unter. Das zumindest hat der US-Prediger Harold Camping errechnet, und wenn es stimmt, was man so liest, dann hat seine Theorie mehr oder minder viele Anhänger. Camping schätzt, dass rund 200.000.000 Menschen errettet werden und direkt in den Himmel kommen, darunter er selbst. Der Rest stirbt zwei Tode.

Wie Camping auf das morgige Datum kommt, ist nicht ganz klar. Er hat seine Berechnung zwar veröffentlicht, aber nicht unbedingt plausibel machen können. Wohlgemerkt ist der morgige Tag auch nicht der erste, für den jemand den Weltuntergang prophezeit. Eine von mir nicht überprüfte Auflistung „verpasster“ Weltuntergänge gibt es bei Die Unmoralische. Luther, der im Laufe seines Lebens gleich drei Termine vorhersagte, die er alle überlebte, dürfte den Rekord halten.

Nebenbei bemerkt geht die christliche Theologie zwar von einem Weltuntergang, der Apokalypse aus; denn dies steht in der Offenbarung des Johannes so geschrieben. Da aber ausweislich der Bibel niemand, wirklich niemand außer Gott das Datum weiß, ausdrücklich nicht einmal Jesus, ist es auch aus religiöser Sicht vermessen, ein Datum zu errechnen. Eine grobe Schätzung dürfte hingegen erlaubt sein: Wenn ich mich recht entsinne, habe ich neulich gelesen, dass 45% der US-Amerikaner glauben, Jesus werde innerhalb der nächsten 50 Jahre auf die Erde zurückkehren.

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Von einem ewigen Irrtum: Hitler und der Atheismus

Der katholische Journalist und Publizist Matthias Matussek äußert sich hin und wieder öffentlich zu Fragen des Glaubens im Allgemeinen und der Kirche im Besonderen. Er nimmt dabei eine teils eher konservative Haltung ein, etwa indem er den Zölibat befürwortet, beweist aber auch eine kritische Distanz, etwa wenn er dem Essener Bischof Franz-Josef Overbeck widerspricht, als dieser Homosexualität eine Sünde nennt. Nun hat Matussek ein neues Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel „Das katholische Abenteuer. Eine Provokation.“ und ist wohl mehr ein persönlicher Bericht denn eine theologische Abhandlung. Matussek schreibt in diesem Buch:

Ich bin so leidenschaftlich katholisch, wie ich vor vierzig Jahren Marxist war. Warum? Weil mein Verein angegriffen wird.

Das kann ich gut verstehen. Selbst ich, der ich nicht katholisch bin, habe schon öfter mehr oder minder leidenschaftlich für die Römisch-katholische Kirche Partei ergriffen. Insbesondere nehme ich den Papst und seine Leute gegen Angriffe in Schutz, die ich für sachlich falsch halte, etwa den an Geschichtsklitterung grenzenden Vorwurf, die katholische Kirche sei schuld an den Hexenverfolgungen des Mittelalters (die in Wahrheit freilich vor allem ein neuzeitliches und weniger ein mittelalterliches Phänomen waren). Einmal abgesehen davon, dass es sich gerade um eine gesamtgesellschaftliche Erscheinung handelte, der alle verfallen sind: nicht nur Klerus, sondern auch Adel, Gelehrte, Bürger und Bauern, waren es gerade Reformatoren wie Luther und Calvin, die sich für die Verfolgung sog. Hexen einsetzten, weswegen der Wahn in den protestantischen Gegenden auch schlimmer wütete als dort, wo die katholische Kirche dominierte. Die katholische Kirche hat den Glauben an Hexen sogar lange Zeit als Aberglaube bekämpft.

Da ich Matusseks Buch nicht gelesen habe und den Kontext des obigen Zitats nicht kenne, kann ich nur mutmaßen, welchen Angriff der Autor meint. Nahe liegt der Gedanke, dass er an das anknüpft, was man Missbrauch mit dem Missbrauch nennen könnte: die teils jedes Maß vermissen lassende Kritik an dem fürwahr kritikwürdigen Umgang der Katholischen Kirche mit Fällen sexuellen Missbrauchs. Vielleicht spielt Matussek aber auch auf die Bewegung der sog. Neuen Atheisten an, die nicht nur nicht an Gott glauben (eine Frage der Erkenntnis), sondern Religion auch mehr oder weniger pauschal verteufeln und für allerlei Not und Elend verantwortlich machen (eine Frage der Moral). Ob nun die Kreuzzüge des Mittelalters oder der islamistische Terror unserer Tage: Die Religionen, so meinen die Neuen Atheisten, sind dafür eine conditio sine qua non, welche überwunden und durch ein wahrlich humanistisches Weltbild ersetzt werden müssen.

Ob man dieser Religionskritik so pauschal zustimmen kann, erscheint zweifelhaft. Die Wahrheit ist wohl wie so oft deutlich komplexer. Die Reaktionen aus dem theistischen und speziell auch dem christlichen Lager fallen indes nicht differenzierter aus. Die Retourkutsche ist billig: Gerade Atheisten seien doch für die bislang größten Katastrophen und Verbrechen verantwortlich. Als vermeintliches Paradebeispiel müssen dann regelmäßig das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg herhalten. Auch Matussek folgert aus der Erkenntnis, wie ungerecht pauschalierte Verurteilungen sind, nicht etwa, dass man diese zu unterlassen habe; nein, er greift sie vielmehr als Waffe auf, die er nun seinerseits auf die Atheisten richtet. Sein Buch wird im Internet mit den Worten zitiert, Atheisten müssten

mit düsteren Bündnispartnern rechnen.

Und Matussek spricht ausdrücklich von der

atheistischen Spitzenkraft Adolf Hitler.

So ist das also: Die Katholiken müssen sich die Kreuzzüge nicht kollektiv zurechnen lassen, aber die Atheisten haben den Zweiten Weltkrieg kollektiv verschuldet. Was ist abseits dieser Doppelmoral zu den

düsteren

Atheisten zu sagen, welche so viel mehr Elend verursacht haben, als die Religionen es je vermochten?

Zunächst einmal haben Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg nicht auf Grund ihrer atheistischen Prägung so viel mehr Menschenleben gefordert als alles vorher Dagewesene, sondern weil es in den 1930er- und 1940er-Jahren mehr Menschen gab als je zuvor, und weil es zudem einfacher als je zuvor war, diese Menschen in Massen zu töten. Der unter anderem religiös motivierte Dreißigjährige Krieg hat in einigen Gegenden Süddeutschlands bis zu zwei Dritteln der Bevölkerung das Leben gekostet. Es gab seinerzeit nur eben deutlich weniger Menschen und darum absolut betrachtet auch weniger Opfer.

Hinzu kommt, dass die Neuen Atheisten den Religionen ja gerade vorwerfen, Verbrechen zu verantworten, die im Namen des Glaubens verübt werden. Sie meinen, dass diese Verbrechen ohne den Glauben nicht verübt würden. Es hat jedoch niemals ein Atheist im Namen des Atheismus einen Krieg geführt. Die Kausalkette, die beim Theismus fraglich erscheinen mag, ist beim Atheismus von vornherein ausgeschlossen.

Vor allem aber war der Nationalsozialismus mitnichten eine atheistische Bewegung, und der angebliche Atheist Adolf Hitler war Zeit seines Lebens katholisch. In „Mein Kampf“ lässt er an seinem Gottesglauben keinen Zweifel. So heißt es etwa in der 855. Auflage auf Seite 630 zum Thema „Konfessionelle Zwietracht“:

Gerade der völkisch Eingestellte hätte die heiligste Verpflichtung, jeder in seiner eigenen Konfession dafür zu sorgen, daß man nicht nur immer äußerlich von Gottes Willen redet, sondern auch tatsächlich Gottes Willen erfülle und Gottes Werk nicht schänden lasse. Denn Gottes Wille gab den Menschen einst ihre Gestalt, ihr Wesen und ihre Fähigkeiten. Wer sein Werk zerstört, sagt damit der Schöpfung des Herrn, dem göttlichen Wollen, den Kampf an.

Auf Seite 70 schreibt Hitler gar:

So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.

(Das Wort „indem“ wird im Original gesperrt geschrieben.)

Ich will keineswegs behaupten, dass Hitler, wäre er Atheist gewesen, wesentlich anders gedacht oder gehandelt haben würde, als er es getan hat. Ich sage also nicht, Hitlers Glaube seine eine conditio sine qua non für sein Tun. Ihn aber in das atheistische Lager zu schieben, ist falsch.

Abgesehen davon haben die Kirchen, vor allem die evangelischen Kirchen in Deutschland, den Nationalsozialismus enthusiastisch begrüßt und ohne zu zögern hofiert. Gewiss, evangelische Theologen wie Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer und sicher viele andere christliche Theologen und Laien haben, teils unter Einsatz oder, wie Bonhoeffer, sogar Verlust ihres Lebens, gegen den Nationalsozialismus gekämpft. Diese Tatsache wiegt aber nicht auf, dass ein beachtlicher Teil der Katholiken und Protestanten, etwa jene, die sich „Die Deutschen Christen“ oder auch „SA Jesus Christi“ nannten, glühende Verfechter des Nationalsozialismus waren. Das macht das Dritte Reich zu keiner christlichen Angelegenheit. Aber eben ganz sicher auch zu keiner atheistischen.

Gibt es nichts? Doch!

2011/01/22 2 Kommentare

Die aktuelle Ausgabe der ZEIT handelt von der neuen Lust an Philosophie. Da ich den Artikel nicht gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, wie substantiiert diese neue Lust behauptet wird. Mein persönlicher Eindruck ist von jeher ein anderer: Das Interesse an Philosophie ist gering und darum auch das Wissen. Viele machen sich eine ganz falsche Vorstellung davon, was Philosophie überhaupt ist. Ich werde nie den jungen Mann vergessen, den ich sinngemäß sagen hörte, Philosophie sei, wenn um rein gar nichts viele schöne Worte verloren werden.

Das ist natürlich ganz falsch. Philosophie ist die Grundlage aller Wissenschaft, Philosophie verdanken wir unser Weltbild (das uns nämlich keineswegs in die Wiege gelegt wird), und Philosophie drückt sich auch in Gesellschaft, Staat und Recht aus. Unsere Verfassung etwa ist nichts anderes als in Gesetzesform gegossene Rechtsphilosophie.

Die Bedeutung einzelner Philosophen kann gewaltig sein. Aristoteles etwa hat fast zweitausend Jahre lang das Denken des ganzen Abendlandes geprägt. Das hatte nicht nur gute Seiten: Die Autorität Aristoteles war so groß, dass seine Irrtümer nur sehr, sehr zögerlich als solche erkannt und akzeptiert wurden. Was Aristoteles gesagt hatte, galt lange als richtig, nur weil es eben Aristoteles war, der es gesagt hatte. Hierzu eine kleine Anekdote, über deren Wahrheitsgehalt ich nichts weiß; vielleicht ist sie erfunden, um das Problem zu verdeutlichen:

Nach Aristoteles ist das Herz Ausgangspunkt der Nerven. Irgendwann in der frühen Neuzeit bewies ein Forscher, der eine Obduktion durchführte, dass diese Annahme falsch ist. Er konnte an einem menschlichen Körper zeigen, dass die Nerven nicht mit dem Herz, sondern mit dem Gehirn verbunden sind. „Das hast du sehr schön gezeigt“, antwortete man ihm, „und wir würden das auch akzeptieren, hätte nicht Aristoteles etwas anderes gelehrt.“

Ich selbst hatte im Leben nur zwei, drei philosophische Einfälle. Einer muss aus meiner Jugend sein. Er geht so: Es könnte ein höheres Wesen geben, das uns alles, was wir zu wissen meinen, nur suggeriert. An allem ist darum zu zweifeln. Später fand ich einen ähnlichen Gedanken bei Descartes, und ich frage mich bis heute, ob ich nicht selbst bis zum Cogito ergo sum hätte weiterdenken müssen. Getan habe ich es jedenfalls nicht; offensichtlich bin ich kein großer Denker.

Den ersten Einfall hatte ich in der Kindheit. Leider verstehe ich ihn selbst nicht mehr so recht. Von dem Einfall weiß ich heute auch nur, weil es darüber eine schriftliche Aufzeichnung gibt: Als Kind besaß ich das Spiel des Wissens, bei dem es ähnlich wie bei Trivial Pursuit Karten mit Fragen und Antworten gibt. Eine Karte ließ Platz für eigene Fragen und Antworten, und ich überlegte mir als Frage: Gibt es nichts? Die Antwort darauf lautete: Doch. Was auch immer ich damit gemeint habe, es war bestimmt etwas Philosophisches.

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Falsifikation = Verifikation

Für den selbstverständlich extrem unwahrscheinlichen Fall, dass ich einst ein berühmter Philosoph werde, gebe ich hiermit öffentlich einen Teil meiner philosophischen Entwicklung zu Protokoll. Vorgestern hat es nämlich Klick gemacht, und die Räder meines Gehirns haben sich für einen Moment bewegt. Zugegebenermaßen benötigte ich dafür einen Anstoß von außen, aber dafür formuliere ich die Weiterentwicklung meiner Weltanschauung jetzt auf meine ganz eigene Weise.

Es fiel mir bislang etwas schwer, zwischen kritischem Rationalismus und Skeptizismus zu unterscheiden. Der kritische Rationalismus nach Popper, der nur Falsifikation zulässt und keine Verifikation, und der Zweifel, soweit ich ihn richtig verstehe, zu einem Leitmotiv erhebt, erschien mir zunächst einleuchtend. Gleichzeitig lässt sich meine Sicht schon lange mit der Überzeugung beschreiben, dass es schwer bis unmöglich ist, Gewissheiten zu erlangen. Zwar glaube ich an die Abstufung verschiedener Erkenntnisquellen; eine ganz und gar zuverlässige Quelle bestreite ich aber schon lange, weil doch alle Erfahrung dagegen spricht, dass man sich auf irgendeine Erkenntnisquelle wirklich verlassen kann. Das gilt ausdrücklich auch für die Vernunft, weil ein Fehlgebrauch der Vernunft möglich (und häufig) ist, und weil ich sowieso nicht davon überzeugt bin, dass der menschliche Verstand groß genug ist, die Wirklichkeit in all ihren Dimensionen zu erfassen.

In meiner Tendenz zum Skeptizismus wurde ich nun deutlich bestärkt. Ich zweifle jetzt an Poppers These, dass man zuverlässig falsifizieren kann. Denn: Falsifikation ist doch nichts anderes als Verifikation. Wer eine These falsifizieren möchte, der verifiziert die Falschheit. Und Verifikation ist eben nicht oder kaum möglich. Nehmen wir das berühmte Beispiel, nach dem alle Schwäne weiß sind, was man nicht beweisen könne, so dass nur die Falsifikation bleibe: Man findet nun also einen schwarzen Schwan und betrachtet somit die These als widerlegt, dass alle Schwäne weiß sind. Aber wer garantiert nun, dass der gefundene Schwan wirklich schwarz ist? Oder überhaupt ein echter Schwan? Nein, wer zu falsifizieren sucht, der verifiziert, und das, das erscheint eben kaum möglich. Es scheint, als ob ich meine philosophische Heimat langsam finden würde.

Irrtum vorbehalten.

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