Was gesagt werden muss
Die Causa Günter Grass möchte ich zum Anlass nehmen, mich zum Themenkomplex Nahostkonflikt und Antisemitismus zu äußern:
1. Es muss erlaubt sein, den Staat Israel zu kritisieren, und es ist auch erlaubt. Die israelische Politik wird nirgendwo kontroverser diskutiert als in Israel selbst. Auch in Deutschland ist Israel-Kritik kein Tabu. Unzählige Beispiele beweisen, dass die meisten der selbst ernannten Tabubrecher ein Recht auf Meinungsäußerung in Anspruch nehmen, das ihnen niemand streitig machen will. Die Bundesregierung etwa bezieht klar Stellung gegen Israels Pläne, den Iran anzugreifen, und niemand wirft ihr Antisemitismus vor.
2. Ein Großteil dessen, was der äußeren Form nach Israel-Kritik sein soll, ist in Wahrheit nichts anderes als kaschierter Antisemitismus. Dieser Verdacht liegt insbesondere dann nahe, wenn sich jemand einen feuchten Kehricht für die zahlreichen Kriege und Menschenrechtsverletzungen auf der Welt interessiert, aber beim Thema Nahostkonflikt zum leidenschaftlichen Kämpfer gegen das zionistische Unrecht aufschwingen will.
3. Nicht jede Israel-Kritik ist antisemitisch motiviert. Im Einzelfall hat die Unschuldsvermutung zu gelten. Wer den Vorwurf des Antisemitismus nicht beweisen kann, sollte ihn auch nicht erheben. Im Fall von Günter Grass sehe ich einen solchen Beweis in keiner Weise geführt.
4. Deutschland sollte sich bei den Themen Israel und Judentum locker machen. Viele Juden teilen diese Meinung, sowohl in Deutschland als auch in Israel als sicher auch in anderen Ländern. So wirbt etwa der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland Avi Primor in einem Buch für ein weniger verkrampftes Verhältnis zwischen Deutschland und dem Judentum.
5. Günter Grass‘ „Gedicht“ ist weder ein lyrisches Meisterwerk, noch führt es irgendwelche neuen Gedanken oder Aspekte ins Feld. Es ist allgemein bekannt, dass Israel mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit über Atomwaffen verfügt. Das von Grass behauptete
allgemeine Verschweigen
gibt es schlichtweg nicht. Oder woher hat unser Nobelpreisträger sein Wissen? Jedenfalls mir war nur eines neu, was Grass geschrieben hat, nämlich dass wir demnächst ein U-Boot nach Israel liefern werden. Das kann man genauso schlimm finden wie jede andere Waffenlieferung ins Ausland auch. Der Tod ist wahrlich ein Meister aus Deutschland, denn bei den Rüstungsexporten spielen wir in der ersten Liga. Indem Grass allerdings zwischen den Zeilen suggeriert, Israel wolle
allesvernichtende
Atombomben dorthin lenken,
wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
manipuliert er seine Leser: Die Behauptung, Israel plane, den Iran auszulöschen, ist nicht mehr bewiesen, als dass der Iran nach Nuklearwaffen strebt. Israel spricht öffentlich von einem Angriff auf iranische Anlagen zur Herstellung von Atomwaffen, nicht von einem Angriff mit Atomwaffen. Ich sehe keinen Grund für die Annahme, Israel wolle den Iran vernichten. Unbewiesen ist diese (von Grass allerdings auch nicht expressis verbis aufgestellte) Behauptung allemal.
6. Selbst wenn Israel der böseste Okkupator der Welt wäre, ein völker- und menschenrechtswidrig handelnder Verbrecherstaat der übelsten Sorte, müssten der Iran und andere Gegner Israels nicht zwingend harmlos sein. Derzeit wird vielfach davon gesprochen, dass der iranische Staatspräsident Ahmadinedschad entgegen sich hartnäckig haltender Gerüchte nie gefordert habe, Israel von der Landkarte zu löschen (das schon lange bekannte Problem einer Zitat-Übersetzung). Daran erschöpft sich die Beurteilung dann vielfach. Als würde sich Ali Chamene’i, das iranische Staatsoberhaut, nie ähnlich geäußert haben; als habe Ahmadinedschad seinen bedrohlichen Israel-Hass anders nie ausgedrückt; als würde es die absurde Holocaust-Konferenz im Iran im Jahre 2006 nicht gegeben haben.
7. Es ist falsch und schlecht, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Weder Israel noch der Iran noch Deutschland noch irgendein anderes Land in dieser Welt oder irgendein Mensch in derselben ist einfach nur gut oder einfach nur böse. Im Nahostkonflikt verbietet sich eine derart simplifizierende Betrachtungsweise allemal. Sie ist nicht nur ungerecht, sondern bringt auch keinerlei Erkenntnisgewinn und trägt zur Lösung der Konflikte nichts bei.
8. Jedermann hat alles Recht, gegen die israelische Siedlungspolitik, gegen einen israelischen Angriff auf den Iran und gegen allerlei sonst zu protestieren, was mit Israel und dem Nahostkonflikt zusammenhängt. Grundlage dieses Protestes sollte aber eine von Sachkenntnis getragene und differenzierte und faire Betrachtung sein. Die gibt es meiner Meinung nach viel zu selten.
