Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.
Schon meine Grundschul-Zeugnisse bescheinigen mir ein besonderes Interesse für Religion. So sehr bin ich im Religions-Unterricht mit meinen Beiträgen aufgefallen, dass der Lehrer es im Zeugnis vermerkte. Später als Jugendlicher hätte ich mir glatt vorstellen können, Theologie zu studieren. Doch ich habe mich für die Rechtswissenschaft entschieden und bleibe darum auf ewig ein theologischer Laie.
Als solcher steht es mir nicht zu, andere in theologischen Fragen zu unterweisen. Und doch gibt es da etwas, das ich so furchtbar spannend und ergreifend finde, dass ich darüber schreiben möchte. Ich vertraue meiner Quelle sehr und meine darum, das Folgende als gesichert behaupten zu dürfen (lasse mich aber auch gern korrigieren):
Bei Lukas steht über Tod und Kreuzigung Jesu geschrieben:
Es wurden aber auch hingeführt zwei andere, Übeltäter, daß sie mit ihm abgetan würden.
Und als sie kamen an die Stätte […] kreuzigten sie ihn daselbst und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen sie wissen nicht, was sie tun! [...]
Und das Volk stand und sah zu. Und die Obersten samt ihnen spotteten sein und sprachen: Er hat anderen geholfen; er helfe sich selber, ist er Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Kriegsknechte, traten zu ihm und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so helf dir selber! [...]
Aber der Übeltäter einer, die da gehenkt waren, lästerte ihn und sprach: Bist du Christus, so hilf dir selber und uns! Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Und wir zwar sind billig darin, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeschicktes getan. Und er sprach zu Jesu: HERR, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.
Die Hervorhebungen markieren meine persönlichen Lieblingsstellen. Der zweite Satz aber scheint problematisch. Denn wer gekreuzigt wird, stirbt, und vor dem Eintritt in das Himmelreich steht das Jüngste Gericht, das selbst heute, 2.000 Jahre später, auf sich warten lässt. Mag man bei Jesus über solche Inkompatibilitäten hinwegsehen, fragt sich schon, wieso auch der Gekreuzigte, den Jesus tröstet, noch/schon
heute
im Paradies sein wird. Das Neue Testament gibt darauf keine Antwort. Es ist ohne Hintergrundwissen schlicht und ergreifend nicht zu verstehen.
Lukas schreibt vor dem Hintergrund der seinerzeit üblichen Anschauung vom Tod und setzt diese beim Leser als bekannt voraus. Ich persönlich vermute, dass er eine Botschaft transportieren möchte: Magst du auch ein Sünder sein, noch am Ende deines irdischen Lebens kannst du dich für Gott entscheiden, und er wird dich annehmen. Das ist ja auch in etwa das, was insbesondere die katholische Kirche bis heute lehrt. Es ist hingegen nicht Lukas’ Anliegen, der Nachwelt die Totenreichvorstellungen seiner Zeit zu erklären. Vermutlich ahnt er gar nicht, wie man ihn einst missverstehen wird.
Wie kommt also nun der Mitgefolterte direkt ins Paradies, so ganz ohne vorheriges Endgericht, das die Menschen scheidet in die, die da gerecht sind (vor Gott), und die, die verdammt werden? Nach damaliger jüdischer Mythologie halten sich die Toten, während sie auf das Gericht warten, in der Scheol (שאול; griechisch: ᾍδης, Hades) auf. Diese unterteilt sich in das Paradies (παράδεισος, paradeisos) und das Gefängnis (φυλακη, phylake). Im Paradies ist alles prima, das Gefängnis ist ein Ort der Qualen. Eine Vorverurteilung also und, ganz wichtig, nur der vorübergehende Aufenthaltsort der Toten.
Der Fehler liegt darin, das Paradies, von dem Jesus spricht, mit dem Himmel zu identifizieren. Eine solche Gleichsetzung hat Lukas nicht im Sinn, als er Jesus dem Mitgekreuzigten das Paradies versprechen lässt.
