Amazons Kindle versteht sich in erster Linie als E-Book-Reader: ein portabler Computer, mit dem man elektronische Bücher lesen kann. Als ich zum ersten Mal davon hörte, war ich skeptisch. Wollen wir den Buchdruck nur 550 Jahre nach Gutenberg schon wieder abschaffen? Und, wenn ja, brauchen wir als Ersatz ein spezielles Gerät, wenn doch Notebooks, Tablets und Smartphones dasselbe zu leisten vermögen?
Keine Frage – die E-Book-Technik hat Charme. Noch in der kleinsten Tasche finden hunderte, ja tausende Bücher Platz. Die immer griffbereite Bibliothek lässt sich binnen Sekunden um jeden verfügbaren Titel ergänzen. Störrische Bücher mit der Neigung, sich selbst zu schließen, wenn man sie nicht mit einigem Kraftaufwand offen hält (nervig, wenn man auf der Seite liegend im Bett lesen will), sind passé.
Auch die Nachteile liegen auf der Hand: Ein Weiterverkauf der gelesenen Werke ist nicht möglich. Ein Bücherregal, das den Inhaber der Wohnung als belesenen Intellektuellen ausweist, gibt es nicht mehr. Da, wo dieses Regal einst stand, ist die Wand leer und kahl; ein teurer Raumausstatter muss her, diese Lücke zu schließen. Wenn man das zu kurze Bein am Küchentisch ausgleichen will, kommt kein noch so schlechtes Kindle-Buch in Betracht. Und für Nostalgiker sind E-Books ohnehin nichts.
Nachdem ich nun aber das Vergnügen hatte, einen Kindle auszuprobieren, bin ich recht angetan. Das Gerät ist handlich, die Technik durchdacht. Und meine beiden wichtigsten Bedenken haben sich als haltlos erwiesen.
Da wäre zum einen das Display. Ich lese nicht gern am Bildschirm, weder am PC noch auf meinem Smartphone. Manches drucke ich aus, nur um es auf Papier lesen zu können. Das Kindle-Display aber hat mit Röhrenmonitoren und TFTs und den anderen weit verbreiteten Anzeigetechniken nicht viel gemein. Manche Leute versuchen, die Schutzfolie zu entfernen, die sie auf dem Display wähnen, die es aber gar nicht gibt. Das, was man erblickt, sieht fast aus wie gedruckt, ist aber die digitale Ausgabe des Kindles. Hintergrundbeleuchtung, Flimmern, Spiegelungen, unzureichender Kontrast in heller Umgebung, all das gibt es nicht. Der Kindle gleicht eher echtem Papier als einem herkömmlichen elektronischen Display. Für die Augen ist das sehr angenehm.
Und dann wäre da der Stromverbrauch. Ich habe kein iPhone, und doch ist der Akku meines Smartphones schon leer, kaum dass ich es gewagt habe, denselben mehr als ein paar Minuten zu beanspruchen. Als E-Book-Reader ist mein Smartphone schon deshalb nicht zu gebrauchen. Anders der Kindle. Das Gerät verbraucht Strom nur für den WLAN-Adapter und um eine Buchseite zu erzeugen. Den WLAN-Adapter kann man ausschalten. Und wenn ich schreibe, Strom werde nur benötigt, um eine Seite auf dem Display zu erzeugen, dann meine ich damit, dass es keinen Strom kostet, die Seite auf dem Display zu erhalten. Nur das Umblättern der Seite kostet Energie.
Bislang sind für den Kindle nur etwas 40.000 Bücher in deutscher Sprache erhältlich. In gedruckter Form sollen bis zu 1.2000.000 deutschsprachige Bücher lieferbar sein. Letzteres als richtig unterstellt, bedeutet, dass rein rechnerisch nur eine Chance von 1:30.000 besteht, dass jenes Buch, welches man erwerben möchte, für den Kindle verfügbar ist. Umso mehr Titel aber in elektronischer Form auf dem Markt erscheinen, desto attraktiver wird der Kindle werden.

Johannes Gutenberg (1400-1468), nicht zu verwechseln mit Theodor zu Guttenberg, der ebenfalls für seine Auffassung berühmt ist, man solle Geschriebenes vervielfältigen, gilt als Erfinder des Buchdrucks. Das A&E Network kürte ihn 1999 zum Mann des Jahrtausends, das US-Magazin Time-Life den Buchdruck zur bedeutendsten Erfindung eben dieses Jahrtausends. Nun könnte der Kindle das Ende der einst revolutionären Technik einläuten.