Gibt es nichts? Doch!
Die aktuelle Ausgabe der ZEIT handelt von der neuen Lust an Philosophie. Da ich den Artikel nicht gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, wie substantiiert diese neue Lust behauptet wird. Mein persönlicher Eindruck ist von jeher ein anderer: Das Interesse an Philosophie ist gering und darum auch das Wissen. Viele machen sich eine ganz falsche Vorstellung davon, was Philosophie überhaupt ist. Ich werde nie den jungen Mann vergessen, den ich sinngemäß sagen hörte, Philosophie sei, wenn um rein gar nichts viele schöne Worte verloren werden.
Das ist natürlich ganz falsch. Philosophie ist die Grundlage aller Wissenschaft, Philosophie verdanken wir unser Weltbild (das uns nämlich keineswegs in die Wiege gelegt wird), und Philosophie drückt sich auch in Gesellschaft, Staat und Recht aus. Unsere Verfassung etwa ist nichts anderes als in Gesetzesform gegossene Rechtsphilosophie.
Die Bedeutung einzelner Philosophen kann gewaltig sein. Aristoteles etwa hat fast zweitausend Jahre lang das Denken des ganzen Abendlandes geprägt. Das hatte nicht nur gute Seiten: Die Autorität Aristoteles war so groß, dass seine Irrtümer nur sehr, sehr zögerlich als solche erkannt und akzeptiert wurden. Was Aristoteles gesagt hatte, galt lange als richtig, nur weil es eben Aristoteles war, der es gesagt hatte. Hierzu eine kleine Anekdote, über deren Wahrheitsgehalt ich nichts weiß; vielleicht ist sie erfunden, um das Problem zu verdeutlichen:
Nach Aristoteles ist das Herz Ausgangspunkt der Nerven. Irgendwann in der frühen Neuzeit bewies ein Forscher, der eine Obduktion durchführte, dass diese Annahme falsch ist. Er konnte an einem menschlichen Körper zeigen, dass die Nerven nicht mit dem Herz, sondern mit dem Gehirn verbunden sind. „Das hast du sehr schön gezeigt“, antwortete man ihm, „und wir würden das auch akzeptieren, hätte nicht Aristoteles etwas anderes gelehrt.“
Ich selbst hatte im Leben nur zwei, drei philosophische Einfälle. Einer muss aus meiner Jugend sein. Er geht so: Es könnte ein höheres Wesen geben, das uns alles, was wir zu wissen meinen, nur suggeriert. An allem ist darum zu zweifeln. Später fand ich einen ähnlichen Gedanken bei Descartes, und ich frage mich bis heute, ob ich nicht selbst bis zum Cogito ergo sum hätte weiterdenken müssen. Getan habe ich es jedenfalls nicht; offensichtlich bin ich kein großer Denker.
Den ersten Einfall hatte ich in der Kindheit. Leider verstehe ich ihn selbst nicht mehr so recht. Von dem Einfall weiß ich heute auch nur, weil es darüber eine schriftliche Aufzeichnung gibt: Als Kind besaß ich das Spiel des Wissens, bei dem es ähnlich wie bei Trivial Pursuit Karten mit Fragen und Antworten gibt. Eine Karte ließ Platz für eigene Fragen und Antworten, und ich überlegte mir als Frage: Gibt es nichts? Die Antwort darauf lautete: Doch. Was auch immer ich damit gemeint habe, es war bestimmt etwas Philosophisches.