Jura studieren oder nicht, das ist hier die Frage!
(Für Nichtjuristen)
Die Arbeitslosenquote unter Akademikern, so wurde Sonntag im Presseclub behauptet, beträgt ca. 4%. Die Arbeitslosenquote der erwerbsfähigen Gesamtbevölkerung liegt bei etwa 7%, die der Nichtakademiker folglich darüber. Nichtakademiker sind mithin deutlich häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als Akademiker. Dies ist kein zwingender Grund, ein Studium aufzunehmen, aber es weist jene in ihre Schranken, die da sagen: Man solle bloß nicht studieren, denn damit werde man ja doch nur arbeitslos.
Wie aber steht es um diese (sehr weit verbreitete) Auffassung: Wenn man schon studiere, dann bloß nicht Jura, denn damit werde man ja nun wirklich zwingend arbeitslos. Selbst im Referendariat, das sich an das rechtswissenschaftliche Studium anschließt, wird einem noch von der juristischen Ausbildung abgeraten. Im Staatsdienst, so erzählte mir ganz zu Beginn eine Richterin, sei die Lage praktisch aussichtslos. Und ein Rechtsanwalt berichtete mir wenige Monate später mit ernster Miene, er habe eine Stelle ausgeschrieben, und da seien ja so unglaublich viele Bewerbungen gekommen und das aus der ganzen Republik; die Lage sei für Bewerber schlecht und eine juristische Ausbildung mithin nicht zu empfehlen. Von dem, was ich mir schon im Jurastudium alles anhören musste, will ich gar nicht anfangen.
So ganz vertraut habe ich den Unkenrufen nie, aber wie weit sie von der Realität abweichen, hat mich nach dem Referendariat dann doch überrascht. Nicht von allen Kollegen weiß ich, was aus ihnen geworden ist, aber immerhin weiß ich von keinem einzigen, der, obwohl er das zweite Examen bestanden hat, keinen Job gefunden hätte. Richter, Rechtsanwälte, Verwaltungsbeamte, Justiziare: In alle möglichen Richtungen sind meine damaligen Kollegen und ich ausgeschwärmt, der eine auf einen besseren, der andere zugegeben auf einen weniger guten Arbeitsplatz. Das Referendariat haben wir dabei inmitten der sog. Finanzkrise beendet, in der die Furcht vor Arbeitslosigkeit besonders berechtigt schien, und doch hat auf jeden oder zumindest fast jeden Topf wenigstens ein Deckel gepasst.
Eine glasklare Empfehlung für das Jurastudium? Jein. Im ersten Semester erzählte uns ein Professor, das beste Drittel von uns könne gar nichts arbeitslos werden. Ich schließe mich dieser Einschätzung an und gehe noch viel weiter. Aber wie in allen Bereichen hängt es vom Profil des konkreten Bewerbers ab, ob er eine Stelle bekommt und, wenn ja, welche. Zusatzqualifikationen, Promotion, Auslandserfahrung und Fremdsprachenkenntnisse, all das gereicht auch Juristen auf dem Arbeitsmarkt zum Vorteil. Von höchstem Interesse aber, offenbar weit mehr als im Durchschnitt anderer Studienfächer, sind die Noten und zwar vor allem der zweiten, aber auch der ersten juristischen Staatsprüfung. Wer hier gute Leistungen erzielt, dem stehen viele Türen offen, und er kann, was manchen ja besonders wichtig ist, viel, manchmal sehr viel Geld verdienen.
Meine Empfehlung lautet, den wahrlich steinigen Weg der juristischen Ausbildung nur dann einzuschlagen bzw. über die ersten Studiensemester hinaus fortzusetzen, wenn Neigung und Befähigung mit dem Berufsziel korrespondieren. Jura zu studieren, ohne sich dafür zu interessieren, muss eine Qual sein. Und wer nicht die nötigen Fähigkeiten mitbringt, der verabschiedet sich besser spätestens im Grundstudium vom Berufsziel des Juristen und macht etwas, das ihm mehr liegt. Denn auch daran besteht für mich kein Zweifel: Es gibt ein Überangebot an Juristen auf dem Arbeitsmarkt, und diejenigen, die ihr Examen mit Ach und Krach bestehen, sind nicht unbedingt die ersten, die eine gute Stelle finden.
Doch wer eignet sich für die juristische Ausbildung? Ich ganz persönlich meine, dass man vor allem dreierlei mitbringen sollte: das Vermögen, logisch und analytisch zu denken (nicht zu verwechseln mit dem Gefühl, logisch und analytisch zu denken), einen verflixt souveränen Umgang mit der (deutschen) Sprache und ein gesundes Rechtsempfinden. Letztlich erfährt man frühestens im Studium, ob man geeignet ist, doch diese Kriterien bieten vielleicht eine Orientierungshilfe vor der Immatrikulation. Übrigens: Lateinkenntnisse sind entgegen landläufiger Meinung nicht erforderlich, um Jura zu studieren.
Lieber Katzenkönig,
einen sehr schönen Artikel haben Sie hier veröffentlicht. Er trifft es mE auf den Punkt.
Grüße!
Die Zahlen am Anfang muss man differenzierter sehen.
Es gibt Studiengänge, bei deren Abgänger die Arbeitslosenquote wesentlich höher liegt, als bei anderen. Z. B. Archäologie oder Musik.
Deren Zahlen ziehen denn die Zahlen insgesamt gewaltig nach unten.
“Nicht von allen Kollegen weiß ich, was aus ihnen geworden ist, aber immerhin weiß ich von keinem einzigen, der, obwohl er das zweite Examen bestanden hat, keinen Job gefunden hätte.”
Herzlichen Glückwunsch, kann ich da nur sagen. Also ich für meinen Teil habe nach meinem 2. Staatsexamen geschlagene 18 Monate nach einer Stelle gesucht, obwohl ich beide Examina mit Prädikat abgeschlossen habe, und das Ganze ohne Finanzkrise (dessen Bedeutung für den juristischen Stellenmarkt ich allerdings für gering halte). Eine Arbeitslosenstatistik für Juristen zeigt, warum ich nicht der einzige war bzw. bin: Im Jahr 2006 (in dem ich gesucht habe) gab es bei der Agentur für Arbeit ca. 350 gemeldete offene Stellen, denen ca. 8500 (!) Bewerber gegenüberstanden.
Die Warnung vor geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind also nicht nur “Unkenrufe”, vor allem nicht für diejenigen, die nicht über Zusatzqualifikationen verfügen (Englischkenntnisse sind hier sehr gefragt) und/oder die sich sehr früh auf eine bestimmte Richtung festlegen und deshalb über den sonstigen Arbeitsmarkt schlecht informiert sind.
Ist mir ein Rätsel. Meine Erfahrungen und Beobachtungen sind ganz anders. Dabei haben meine Kollegen und ich das Assessorexamen inmitten der Finanzkrise abgelegt. Selbst im Staatsdienst unterzukommen, ist, entsprechende Noten natürlich vorausgesetzt, überhaupt kein Problem, obwohl es immer heißt, dass man hier quasi chancenlos sei.
Zwei Mal Prädikat und dann anderthalb Jahre keine Stelle, das ist für mich nicht nachvollziehbar. Da ich genügend Leute kenne, die mit schlechteren Noten eine Anstellung gefunden haben, muss hier irgendeine Besonderheit vorliegen. Fehlte vielleicht die örtliche Flexibilität? Oder sollte es womöglich unbedingt eine sehr spezielle Tätigkeit sein? Es ist z.B. relativ leicht, in Niedersachsen Richter zu werden. Vielleicht hast du dich hier nicht beworben, die Stellen aber waren bzw. sind ja trotzdem da!
Vor einigen Tagen ging übrigens durch die Presse, dass unter Akademikern Vollbeschäftigung herrscht. Noch ein Grund zu studieren. Und wenn man schon studiert, dann doch am besten das schönste Fach: Jura!