Die Vorgeschichte Elizabeths I.
Nachdem ich kürzlich den BBC-Film Elizabeth I – The Virgin Queen eindringlich empfohlen habe, möchte ich dieser Empfehlung hiermit noch einmal Nachdruck verleihen (und auf den wunderbaren Soundtrack hinweisen). Für eine möglichst gute Vorbereitung auf den Film schreibe ich die Vorgeschichte von Elizabeths Regentschaft auf, wobei ich den groben Gang der Geschichte nachzeichne und dabei die Aspekte, die speziell für Elizabeth relevant sind, hervorhebe. Wer die Inhalte des folgenden Textes kennt, findet damit leicht in die Handlung des Films, der dort einsetzt, wo hier die letzten drei Absätze stehen.
England wird häufig als Synonym für Großbritannien und für das ganze Vereinigte Königreich gebraucht und hat in den letzten Jahrhunderten ein Weltreich erschaffen. Im 15. Jahrhundert aber, wo diese Geschichte beginnt, ist England nicht mehr als ein europäisches Königreich, das zwar Wales, aber weder Schottland noch Irland umfasst und noch keine Großmacht ist.
Im Jahr 1485 besteigt mit Heinrich VII. erstmals ein Mitglied des walisischen Geschlechts Tudor den englischen Thron. Er gründet damit die Tudor-Dynastie, die fast 120 Jahre lang so gut wie ohne Unterbrechung über England herrschen und erst mit dem Tod Elizabeths wieder enden wird. Als Heinrich 1509 stirbt, folgt ihm sein zweitgeborener Sohn als Heinrich VIII. auf den Thron.
Heinrich VIII., anfänglich Hoffnungsträger vieler Untertanen, erweist sich während seiner Regentschaft als genusssüchtiger Despot, vor dem selbst seine Vertrauten und Freunde, ja nicht einmal seine eigenen Ehefrauen sicher sind.
Heinrichs erste Frau ist Katharina von Aragón, welche dem König 1516 seine Tochter Maria gebärt. Rund zehn Jahre später verliebt sich Heinrich in Anne Boleyn. Die für ihre Zeit ungewöhnlich gebildete und selbstbewusste Frau lehnt es jedoch zunächst ab, Heinrichs Mätresse zu werden, was dessen Leidenschaft wohl nur umso mehr entfacht.
Vermutlich Anfang der 1530er-Jahre gibt Anne dem Werben des Königs nach. Im Sommer 1531 beginnt sie, offiziell den Platz und die Rolle der Königin einzunehmen. Katharina, die an der Gültigkeit ihrer Ehe mit dem König festhält, gerät ins Abseits. Anfang 1533 ehelicht Heinrich VIII. Anne Boleyn, die sein Kind in ihrem Leib trägt: Elizabeth. Die Hochzeit findet heimlich statt, weil eine Scheidung nach katholischem Recht nicht möglich ist und der Papst sich unter dem Einfluss des römisch-deutschen Kaisers weigert, die Ehe zwischen Heinrich und Katharina durch Erteilung eines Dispenses für ungültig zu erklären.
Heinrich, immerhin Autor einer Schrift gegen die Lehren Luthers, welche ihm den päpstlich verliehenen Titel Verteidiger des Glaubens eingebracht hat, bricht nun selbst mit der römisch-katholischen Kirche. Unter dem Druck des königlichen Lordkanzlers und des Erzbischofs von Canterbury erklärt der englische Klerus die Ehe mit Katharina von Aragón für unwirksam. Eine Zeit religiöser Unruhen beginnt, und der erste Schritt für einen Bruch mit der römisch-katholischen Kirche, der bis heute anhält, wird getan. Katharina weigert sich Zeit ihres Lebens, die Scheidung von Heinrich anzuerkennen. Sie wird vom Hof verbannt und stirbt 1536 wohl in der Auffassung, die rechtmäßige Königin von England zu sein.
Noch vor Katharinas Tod entwickelt sich die Ehe zwischen Heinrich und Anne Boleyn zum Schlechten. Der König verliert das Interesse an der Frau, um die er so lange werben musste. Auch seine Hoffnungen auf einen männlichen Thronerben erfüllen sich nicht. Von drei Kindern übersteht nur eines, nämlich Elizabeth, den Tag der Geburt. Als der König beginnt, sich für die Hofdame Jane Seymour zu interessieren, muss Anne hilflos zusehen. Doch ihr Schicksal wird noch schlimmer als das der Katharina von Aragón. Der König lässt sie in einem Schauprozess wegen mehrfachen Ehebruchs zum Tode verurteilen und im Tower von London zusammen mit den vermeintlichen Ehebrechern (darunter ihr eigener Bruder) enthaupten. Elizabeth ist zu diesem Zeitpunkt keine drei Jahre alt.
Nur einen Tag nach der Hinrichtung Annes verlobt sich Heinrich VIII. mit Jane Seymor. Bald darauf folgen erst die Hochzeit und dann die Ausrufung Janes zur Königin. Jane schenkt Heinrich 1537 den lang ersehnten Sohn und Thronfolger Edward. Auch Edward wird Zeit seines Lebens krank und schwächlich sein und jung sterben, aber er wird Heinrich überleben. Jane Seymor hingegen erliegt keine zwei Wochen nach Edwards Geburt dem Kindbettfieber.
Die letzten drei Ehefrauen des Königs spielen für das Verständnis der Geschichte Elizabeths keine besondere Rolle. Anna von Kleve wird die erste deutsche Königin von England. Die Verbindung ist rein politisch motiviert und wird auf Bestreben Heinrichs und ohne nennenswerte Gegenwehr Annas schnell wieder gelöst. Noch vor der Scheidung beginnt der König eine Affäre mit der Hofdame Catherine Howard, die ihn heiratet, betrügt und dafür mit dem Leben bezahlt. Die sechste und letzte Ehefrau Heinrichs, Catherine Parr, überlebt Heinrich um anderthalb Jahre. Ihrer Intervention hat Elizabeth die Wiedereingliederung in die Thronfolge zu verdanken, aus der die Tochter Heinrichs VIII. lange Zeit ausgeschlossen war. Catherine Parr und Elizabeth Tudor pflegen ein gutes Verhältnis.
Edward, Sohn von Heinrich VIII. und seiner dritten Frau Jane Seymor, erbt nach dem Tode Heinrichs 1547 den englischen Thron, übernimmt aber auf Grund seines jungen Alters lediglich repräsentative Aufgaben. In den sechs Jahren zwischen seiner Thronbesteigung und seinem Tod im Alter von nur 16 Jahren werden der Aufbau der englischen Staatskirche vorangetrieben und der Protestantismus gefördert. Damit das Reich nicht an seine katholische Halbschwester Maria, die Tochter der Katharina von Aragón, fällt, ernennt Edward unter dem Einfluss seines Beraters John Dudley per Testament Jane Grey zu seiner Nachfolgerin.
Jane Grey, eine Nichte zweiten Grades, ist ebenfalls nicht mehr als ein junges Mädchen. Der Weg auf den Thron wird ihr von ihrer ehrgeizigen Familie und von Dudley geebnet. Dudley ist der Vater von Janes Ehemann Guilford und also Janes Schwiegervater. Er trachtet nicht nur danach, England vor einer Re-Katholisierung zu bewahren, sondern er greift auch für seine Familie nach der Krone. Wenn Jane Grey Königin von England wird, so sein Kalkül, wird ihr Mann, wird Dudleys Sohn Guilford an ihrer Seite König.
Als Edward 1553 stirbt, wird Jane Grey rasch zur Königin Johanna proklamiert. Sofort kommt es zu Zerwürfnissen zwischen den Familien Grey und Dudley, denn Jane verweigert ihrem Gatten Guilford die Krönung zum König und will ihn nur zum Herzog ernennen. Man hat nicht viel Zeit, diesen Streit auszutragen, denn Maria Tudor, die Tochter Heinrichs VIII. und seiner ersten Frau Katharina von Aragón, erhebt Anspruch auf den Thron und kann diesen binnen weniger Tage durchsetzen. Trotz aller religiösen Vorbehalte der Engländer gegen die katholische Maria wird diese doch als rechtmäßige Erbin des Thrones angesehen. Jane Grey und Guilford Dudley werden verhaftet, in den Tower gebracht und wegen Hochverrats zum Tode verurteilt, zunächst aber nicht hingerichtet. John Dudley hingegen landet noch 1553 auf dem Schafott.
Maria besteigt im selben Jahr als viertes Mitglied der Tudor-Dynastie den Thron. Unter ihrer fünfjährigen Herrschaft blüht der Katholizismus in England wieder auf, nachdem Marias Vater die Trennung von Rom begonnen und Edward sie weiter verfestigt hat, und bevor ihre Halbschwester Elizabeth alle katholischen Reformen Marias wieder rückgängig machen wird.
Elizabeth, die Tochter der hingerichteten Anne Boleyn, hat Marias Anspruch auf den Thron gegen Jane Grey unterstützt, doch nach Marias Thronbesteigung verschlechtert sich das Verhältnis zwischen den Halbschwestern. Unter ihrem Vater wurde Maria gezwungen, ihren katholischen Glauben zu leugnen. Jetzt, da sie selbst Königin ist, kämpft sie nur umso entschlossener für die katholische Sache. Sie wird als Maria, die Katholische, aber auch als Maria, die Blutige in die Geschichte eingehen. Seit Heinrich VIII. sich vom Papst losgesagt hat, ist England in Glaubensfragen gespalten. Maria versucht, den Protestantismus zurückzudrängen, und sie geht dabei mit aller Härte vor. Viele Menschen, vornehmlich Protestanten, finden den Tod.
Elizabeth ist Protestantin und damit für Maria nicht ganz ungefährlich. Tatsächlich versammelt ein gewisser Sir Thomas Wyatt schon 1554 ein Heer bei Kent, um die Königin zu stürzen und so deren Heirat mit Philipp II. von Spanien und damit einen wachsenden Einfluss Spaniens auf England zu verhindern. Statt Maria will er Elizabeth auf den Thron setzen. Erst vor den Toren Londons wird der Aufstand niedergeschlagen, und Wyatt sagt unter der Folter, was man von ihm hören will: Elizabeth selbst sei in den Aufstand verwickelt. Die Prinzessin leugnet jede Beteiligung, wird aber verhaftet und in den Tower gebracht. Ihr Leben hängt jetzt am seidenen Faden, denn mit oder ohne Schuld käme ihr Tod der Königin und vielen Katholiken gelegen, zumal die „ketzerische“ Elizabeth den ersten Rang der Thronfolge einnimmt, bis Maria ein Kind gebärt. Das Todesurteil gegen Jane Grey und Guilford Dudley, die nach der Wyatt-Verschwörung endgültig ein zu großes Risiko für die Krone darstellen, wird vollstreckt.
Auch Thomas Wyatt wird hingerichtet. Noch auf dem Schafott widerruft er seine Aussage und leugnet, dass Elizabeth auch nur von seinem Plan gewusst habe. Aber Elizabeth bleibt im Tower, wo sie womöglich dem ebenfalls dort inhaftierten Robert Dudley begegnet. Robert ist der Bruder von Guilford Dudley, vor allem aber das, was man heute einen Freund nennen würde: ein Freund von Prinzessin Elizabeth, seit Kindertagen schon, und er wird bis an das Ende seiner Tage eine ganz besondere Beziehung zu Elizabeth pflegen. Als die weiteren Ermittlungen gegen Elizabeth den Verdacht ihrer Beteiligung an der Wyatt-Verschwörung nicht erhärten können, wird sie aus dem Tower entlassen und unter Hausarrest gestellt. Sie bleibt damit eine Gefangene und kann sich auch ihres Lebens weiterhin nicht sicher sein.
Die Ehe zwischen Maria und Phillip bleibt indes kinderlos. Maria erleidet Scheinschwangerschaften, zurückzuführen womöglich auf Eierstockkrebs, und stirbt schließlich im Alter von 42 Jahren, ohne einen Erben zu hinterlassen. Als Elizabeth hiervon erfährt, beginnt für sie ein neues Leben: Das Damoklesschwert, das Maria über ihr Haupt gehängt hat, ist abgenommen, und sie selbst wird als fünftes und, was sie zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht wissen kann, letztes Mitglied der Tudor-Dynastie den englischen Thron besteigen. Ihre über 40-jährige Herrschaft wird als das Elisabethanische Zeitalter in die Geschichte eingehen und den Grundstein für Englands Aufstieg zur See- und damit später auch Weltmacht legen.

Der englische König Heinrich VIII. hatte sechs Frauen, darunter Anne Boleyn, mit der er Elizabeth zeugte. Unter seiner Herrschaft spaltete sich die Kirche Englands von Rom ab.

Anne Boleyn, Elizabeths Mutther, wurde in einem Schauprozess wegen Ehebruchs zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Heinrichs Sohn aus dritter Ehe saß als Eduard VI. nur wenige Jahre auf dem Thron und starb noch in seiner Jugend. Vergeblich versuchte er, die Thronbesteigung seiner Halbschwester Maria zu verhindern.

Jane Grey konnte sich kaum mehr als eine Woche auf dem englischen Thron halten. Im Alter von 17 Jahren wurde sie hingerichtet.

Maria, die Katholische, aber auch die Blutige genannt, drohte Elizabeth nach der Thronbesteigung mit dem Tod und blieb dieser gefährlich, bis sie selbst starb.
Der Filmkritik kann ich nur zustimmen (obwohl die schwarze und – historisch zweifelhafte – Darstellung von Schottlands vermeintlich katholischer Seele allzu düster ist). Aber England in elisabethischer Zeit ohne Wales? Edward I. von England hat 1282 die Unabhängigkeit von Wales beendet. Sein Sohn, Edward von Caernavon, wurde 1301 der erste “Prince of Wales”, einen Titel, den heute noch der Thronfolger trägt. Der Act of Union, der englisches Recht auch in Wales einführte, stammt von 1536, das war drei Jahre nach Elizabeths Geburt und zwei Jahrzehnte vor ihrer Thronbesteigung. Und unbedeutend war England allenfalls im Vergleich zur Supermacht Spanien. Seit den Plantagenets hat England eine herausragende Rolle in der Politik des Mittelalters gespielt. Ein underdog war England nicht. Der Regisseur sieht es auch allzu gerne als Hort von Freiheit und Demokratie. Freiheit ja, für mitelalterliche Standards – aber man darf es nicht übertreiben: Das öffentliche Herusreißen der Gedärme von Staatsfeinden war eine beliebte Freizeitbeschäftigung fürs Volk.
Vielen Dank für den Hinweis auf die frühe Eroberung von Wales. Ich habe meinen Beitrag entsprechend angepasst.