De omnibus dubitare
Ich war wohl ein Teenager, als ich mir Folgendes überlegte: Alles, was ich zu erleben und zu wissen glaube, könnte mir theoretisch von einem höheren Wesen vorgetäuscht werden. Niemand kann ein solches Wesen und ein solches Verhalten widerlegen, zumal dieses Wesen sich uns womöglich unerkennbar macht. Wohlgemerkt war mit diesem Gedanken keine Wertung verbunden. Ich ging nicht davon aus, dass ein solches Wesen besonders gut oder besonders böse sein müsse. Wohl aber folgerte ich, dass es ein gesichertes Wissen nicht geben kann.
Einen sehr ähnlichen Gedanken fand ich später bei Descartes wieder. Descartes war allerdings auf der Suche nach gesichertem Wissen und fand einen nach seiner Auffassung gesicherten Satz in der Schlussfolgerung, dass er existieren müsse, weil er sonst nicht denken könne (cogito, ergo sum). Ich fand das lange Zeit sehr einleuchtend. Doch restlos überzeugt bin ich auch davon nicht mehr. Wer weiß, was der Gedanke übersieht, das sich vielleicht unseres Verstandes entzieht?
Bin ich damit im philosophischen Sinne ein Skeptiker? Nur ungern möchte ich mich von einer philosophischen Richtung vereinnahmen lassen, zumal ich die einzelnen Schulen, auch jene des Skeptizismus, nicht wirklich gut kenne. Die Richtung aber könnte stimmen. Zwar wurde ich dieses Jahr von einem gelehrten Mann als Rationalist bezeichnet; dieses Urteil dürfte aber auf Grundlage unzureichenden Wissens gefällt worden sein. Und selbst wenn nicht: Wenn an allem zu zweifeln ist, dann auch am Urteil gelehrter Männer.
Eine auffällige Gemeinsamkeit zwischen Skeptikern und mir besteht darin, dass wir uns mit Dogmen so schwer tun. „Das ist so“, überzeugt mich fast nie, und „Das ist so, auch wenn ich es nicht begründen kann“, überzeugt mich noch weniger. Daraus folgt übrigens auch, dass ich mich mit Religionen schwer tue, wenn und soweit diese einen dogmatischen Anspruch erheben, der womöglich noch auf reiner Offenbarung beruht (die sich ihrerseits zunächst einmal ja auch nur als menschliche Behauptung darstellt). Das ist nun aber kein zwingendes Wesensmerkmal von Skeptizismus. Im Gegenteil: Christliche Denker haben den Skeptizismus gern hochgehalten, wenn es darum ging, Zweifel am Glauben zu zerstreuen. Die ganzen Erkenntnisse, die dem kirchlichen Dogma widersprachen, müssten angezweifelt werden, sagten sie. Wohlgemerkt haben sie den Skeptizismus aber insoweit selbst bekämpft, als er natürlich auch am eigenen, am christlichen Dogma rüttelte.
Wenn ich auch von wenig wirklich überzeugt bin; davon, dass an allem grundsätzlich zu zweifeln ist, bin ich überzeugt. Denn ganz gleich, auf welche Weise die Menschen in den letzten Jahrhunderten und Jahrtausenden zu ihren vermeintlich gesicherten Erkenntnissen gelangt sind, immer und immer und immer, immer wieder haben sie sich geirrt. Es spielt keine Rolle, ob man den Glauben nimmt oder rationale Schlussfolgerungen oder Empirie: Zu vieles, was als gesichert galt oder gilt, steht im Widerspruch zu dem, was andere für gesichert hielten oder halten. Sie können nicht alle Recht haben. Auch wissenschaftliche Erkenntnisse, seien sie methodisch auch noch so sauber gewonnen, sind nicht restlos sicher. Hier halte ich es wohl mit Popper: Falsifikation ja, Verifikation nein. Wohlgemerkt ist das nicht Skeptizismus, sondern kritischer Rationalismus. Aber ich sagte ja bereits, dass ich mich nur ungern von einer Richtung ganz vereinnahmen lasse.